Michal Rovners Installation „Current“ in der Kokerei Zollverein

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Graue Menschen im Sog des Videostrudels: Blick in Michal Rovners Installation in Essen. ▪

Von Marion Gay ▪ ESSEN–Die Menschen schreiten gleichmäßig in Reihen, wie ferngesteuert. Ihre Wege sind festgelegt, es gibt kein Zögern, kein Zurück. Wieder und wieder gehen sie entlang derselben Linien als schritten sie ihre Grenzen ab. In den vier Videoprojektionen „Current“ von Michal Rovner ziehen die Menschen als Schattenformen vorbei. Sie wirken dabei wie Insektenschwärme, gleichzeitig erinnern sie an Schriftzeichen. Die israelische Künstlerin konzipierte die großartige Installation für die Ruhrtriennale in der Kokerei Zollverein in Essen. Es ist ihre erste große Ausstellung in Deutschland.

Die Ruhrtriennale unter der künstlerischen Leitung von Heiner Goebbels lädt in jedem Jahr einen Vertreter der zeitgenössischen Videokunst ein, sich mit den Orten der Industriekultur auseinanderzusetzen und individuelle, raumspezifische Werke zu präsentieren.

Die 1957 in Israel geborene Rovner ließ sich von der Mischanlage der Kokerei und ihrer gewaltigen Zementbauarchitektur inspirieren. Als sie den Ort zum ersten Mal besichtigte, war es bereits dunkel. Die „unglaubliche Architektur“ der leeren Fabrik erschien ihr wie eine Utopie und es ging ihr darum, die mysteriöse Unnahbarkeit des Ortes zusammen mit der Energie der Menschen, die hier einst gearbeitet haben, in ihrer Arbeit einzufangen. Herausgekommen sind Werke von beunruhigender Ruhe, deren Wirkung die von einer Jerusalemer Baustelle stammende Soundcollage unterstreicht. Die grau-düsteren Videosequenzen fügen sich perfekt in die Räume des Industriemonuments. Eindringlich flimmern sie von den Wänden, die von den Rückständen der Kohle gezeichnet sind.

Besonders beeindruckend ist die Videoinstallation, die Rovner auf die gewaltige Trichterkonstruktion projiziert, in der ehemals die Kohle vermengt wurde. Dunkle Schlieren rinnen die Wände entlang, bewegen sich auf die quadratische schwarze Öffnung zu. Gleichzeitig fühlt sich der Betrachter wie in einem Sog gefangen. Mit den Formen schlittert der Blick dem Abgrund entgegen. Ein Moment des Innehaltens, dann bewegen sich die Schatten um die Öffnung herum. Es sind Menschen, die langsam an den Wänden emporsteigen. Höher und höher. Fast haben sie es geschafft. Dann kehrt sich die Bewegung um, wie Regentropfen rutschen sie erneut dem Abgrund entgegen.

Der vielschichtige Titel „Current“ („gegenwärtig“ und gleichzeitig auch „Strom, Fluss, Strömung“) verweist sehr passend auf Zeit und Energie, auf unsere unmittelbare Gegenwart und auf das Fließen von Stoffen, in konkreten und metaphorischen Zusammenhängen. So wirken die großartigen Videoprojektionen zunächst wie abstrakt zerfließende Bilder. Muster wie in einem Kaleidoskop entstehen, zerlaufen, konzipieren sich neu. Erst bei genauerem Betrachten werden die menschlichen Figuren erkennbar. Gefangen in ihren Bewegungsabläufen haben sie etwas schicksalhaft Tragisches. Eine Prozession, die sich durch Raum und Zeit bewegt, Generationen von Menschen, die ihren Weg gehen. Ein ewiges unerschütterliches Voranschreiten.

Bis 30. September

Täglich 10 – 18 Uhr

http://www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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