Michael Ondaatjes Roman „Katzentisch“

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Michael Ondaatje ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Was Michael Ondaatje in seinem Roman „Katzentisch“ erzählt, beruht auf Tatsachen. Der kanadische, in Sri Lanka geborene Autor unternahm wirklich als elfjähriger Junge allein eine Schiffsreise vom damaligen Ceylon nach England. Schon das ist ein Abenteuer: Ein Kind auf einer Fernreise, zu seiner Mutter, die sich vom Vater getrennt hatte. Trotzdem handelt es sich bei dem Buch um einen wirklichen Roman. Ondaatje erinnert sich nicht an die dreiwöchige Fahrt im Jahr 1954, wie er in Interviews betont. Er musste die Ereignisse für das Buch erfinden.

Michael, der Ich-Erzähler, kommt nicht an den Tisch des Kapitäns. Er speist mit einer bunten Gesellschaft am titelgebenden Katzentisch. Da trifft er auf den Bordpianisten Mr. Mazappa, der den Jazz liebt und die Kriminalromane. Auf die schläfrige Miss Lasqueti, die mit Tauben in Käfigen reist und im britischen Regierungsviertel Whitehall ein- und ausgeht. Und Mr. Daniels, den Botaniker, der im Laderaum einen Garten voll giftiger Pflanzen transportiert. Vor allem aber trifft er Cassius und Ramadhin, zwei Jungs in seinem Alter, mit denen er sich anfreundet. Die drei nehmen sich vor, jeden Tag gegen ein Verbot zu verstoßen.

Die anfängliche Idylle dieser Reise löst sich bald auf. Immer gefährlicher werden die Abenteuer der Freunde. Auf dem Schiff reisen nicht nur die Angehörigen der Oberklasse mit. Michael trifft auf einen Dieb, der einen Helfer sucht, der durch die Fenster über den Kabinentüren passt. Ein gefährlicher Verbrecher soll in die Hauptstadt des britischen Empire überführt werden. Und dann ist da auch noch der reiche Sir Hector, den der Fluch eines Mönchs getroffen hat. Ein toller Hund hat ihn gebissen; er sucht Heilung in Europa.

Wunderbar vermittelt Ondaatje, wie sich der anfangs von der Fülle der Eindrücke bedrängte Junge langsam orientiert, wie er Halt sucht an den Begleitern vom Katzentisch, wie er an Einsamkeit leidet und mit Regelbrüchen Spielräume erkundet. Dazu gehört die leichtsinnige Übernachtung in einem Sturm auf Deck ebenso wie die präpubertäre Verliebtheit in eine entfernte, wohlhabende Cousine, die in einer eigenen Kabine mitreist. Michael, den seine Freunde Mynah nennen nach dem schwatzhaften Beo-Vogel seiner Heimat, ist so etwas wie ein früher Einwanderer. In Einschüben blickt Ondaatje voraus auf das, was die Jungen in England erleben werden, wie sie sich in ein Europa integrieren, das Migranten noch nie willkommen hieß.

Und so ist „Katzentisch“ weit mehr als nur die spannende und hoch unterhaltsame Reise-Anekdotenfolge. Der Roman ist auch mehr als das Buch eines Übergangs zwischen zwei Welten und zwei Lebensaltern (wobei er das großartig zeichnet). Der Roman richtet den Blick auch auf Ursachen und Folgen der kolonialen Entwurzelung. Er spielt mit den Genres, lässt mal Krimi- und Thrillermotive anklingen und bindet alles mit einer feinen, aber präsenten Melancholie der Erinnerung. Schließlich ist noch die Sprache ein Genuss, die treffsicheren Bilder zum Beispiel: „Für einen Jungen, der sich mit seinen Freunden treffen will, ist der Schlaf ein Gefängnis.“ Und über das australische Mädchen, das die Jungs beim Rollschuhfahren und anschließenden Duschen beobachten, heißt es: „Wenn sie ging, folgten wir ihren Fußspuren, die im hellen Sonnenlicht bereits verdampften, wenn wir uns näherten.“ Diesen Zauber der Flüchtigkeit fängt Ondaatje unnachahmlich ein.

Michael Ondaatje: Katzentisch. Deutsch von Melanie Walz. Hanser Verlag, München. 301 S., 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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