Michael Lippold inszeniert „Atmen“ am Prinz Regent Theater

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Intensive Befragung der Partnerschaft: Szene aus „Atmen“ in Bochum mit Philine Bührer und Atef Vogel.

Von Edda Breski BOCHUM - Es muss schön sein, nicht in der Haut dieses Paares zu stecken, das sich im Prinz Regent Theater in Bochum rhetorische Bälle zuwirft. Die beiden begreifen ihre Welt durch das, was in aktuellen Beziehungsdebatten als „rumhirnen“ bezeichnet wird: Man macht sich einen Haufen Gedanken, statt einfach zu machen.

Der britische Autor und Theater-Macher Duncan Macmillan, Jahrgang 1980, hat ein Grundproblem der Generation Y ausgemacht, der Twenty- und frühen Thirtysomethings, die lieber hinterfragen, als sich kritiklos einspannen zu lassen. In seinem Stück „Atmen“ zeigt er ein Paar, gut situierte, clevere, wohlmeinende Leute, aber schrecklich handlungsgelähmt. Am Prinz Regent Theater wird das von den beiden jungen Darstellern Philine Bührer und Atef Vogel mit Charme und Mut zur Gefühlswallung gespielt.

Michael Lippold inszeniert das als Sparring: Boxen als Beziehungsmetapher. Das ist nicht neu, aber er macht es gut. Lippold hat seine beiden Beziehungs-Helden in Sportanzüge gesteckt. Um den „Boxring“ sitzen die Zuschauer herum. Mann und Frau begegnen sich in der Arena ihrer Beziehung, nehmen Auszeiten in der Ecke und tänzeln umeinander herum, gelegentlich beziehen sie ihre Zuschauer durch direkte Blicke ein.

Für diese Kinder der Informationsgesellschaft ist alles von erdrückender Wichtigkeit: die Promotion, der Einkauf bei Ikea, das Gespräch über ein Baby. Immer geht es um das Leben, das Universum, den ganzen Rest. Und um Nähe: Wenn sie ihn fragt, ob sie fahren darf, klingt das, als ginge es um einen Stellungswechsel im Bett. Das Paar-Gespräch funktioniert wie Hypertexte, die im Assoziationsspiel vernetzt sind und sich ausdehnen. Bührer und Vogel fangen sich aber nach ihren Gedankenflügen sehr schön wieder ein, dafür reicht manchmal ein Lachen. Spontane Szenenwechsel sollen Tempo erzeugen.

Auch wenn manches sich zieht: Auch der genervte Zuschauer, der den beiden verhirnten Beziehungskomikern im Ring gerne einen klärenden Schlag auf den Hinterkopf versetzen würde, findet sich wieder. Denn was verhandelt wird, sind grundlegende Fragen nach Rollen und Selbstverständnis. Philine Bührer gibt die „Macherin“, die dem Mann mit ihrer freundlichen Forschheit Minderwertigkeitskomplexe einflößt. Sein „Pornoblick“ beim Sex liegt für sie in einem hilflosen Moment auf einer Achse des Bösen mit Hitler und der Umweltverschmutzung durch Vielfliegerei – es gibt da eine berührende Szene zum Thema Beziehungs-Kommunikation mit dem Körper. Vogel vermittelt männliche Ratlosigkeit mit Hundeblicken und hilflosen Füllsätzen.

Aussprechen kann er sich nur, wenn sie nicht hinhört. Die Auflösung ist so einfach wie banal: Er nimmt das Heft in die Hand und macht eine Ansage. Machen statt denken.

Danach wird das 90-minütige Stück schwächer: Die beiden sind fest zusammen, werden Eltern, heiraten. Da gleicht „Atmen“ einer rosenroten Timeline, die aus Facebook herauskopiert sein könnte.

9., 10.5., 6., 7.6.,

Tel. 02 34/ 77 11 17,

www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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