Micha Laurys Zeichnungen in Bochum

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Vor seinen Zeichnungen: Der Künstler Micha Laury im Museum Bochum.

Von Marion Gay BOCHUM - Aus Streichhölzern formen die Hände Wörter. „Zwischen dem Mund und dem Auge“ ist zu lesen. Oder: „Ich weiß nicht, was ich tun soll“. Dann geraten die Hölzchen in Brand. In seiner Videoinstallation „Study for burning titles selected index“ (2000-2001) lässt Micha Laury die Titel seiner Arbeiten kaltblütig verschwinden.

Die beeindruckende Ausstellung „Human Mind Body Space“ im Kunstmuseum Bochum präsentiert rund 120 Papierarbeiten und einige Videoinstallationen des israelischen Zeichners, Installations- und Performancekünstlers. Es ist seine erste Ausstellung in Deutschland.

Die Schau entstand aus der kollegialen Verbundenheit des Bochumer Museums mit dem Museum of Modern Art Ein Harod in Israel. Anlässlich ihrer zehnjährigen Beziehung schließen beide Kunstinstitute einen offiziellen Freundschaftsvertrag zur Ausstellungseröffnung.

Eindringlich, manchmal fast brutal sind die Arbeiten des heute in Frankreich lebenden Künstlers. Entstanden in den letzten 45 Jahren dokumentieren sie die Vielschichtigkeit und Komplexität seiner Themenwelt. So stellt Museumsdirektor Hans Günther Golinski Laury als „eine Art Universalgelehrter“ vor, der die Welt mittels Kunst neu begreifen will.

Eins der frühesten Werke ist die dreiteilige Zeichnung „I don‘t know what to do“ (1967). Zwei halbleere Gesichter blicken sich an, zwischen ihnen klafft sehr viel Raum. Der 1946 in einem Kibbuz geborene Künstler hat zu dem Zeitpunkt gerade sein Kunststudium hingeschmissen. „Sie ließen uns ein halbes Jahr lang Blumenvasenmotive malen“, erklärt er. So kehrte er in den Kibbuz zurück und bezog sein erstes Atelier in einem geschlossenen, unterirdischen Bunker. Fortan widmete er sich autodidaktisch und intensiv der Kunst.

Die Entdeckung des Werkes von Marcel Duchamp in jener Zeit bezeichnet er heute als Schlüsselerlebnis. Zeichnungen von banalen Gegenständen wie Tische, Stühle und Betten folgen, wie zum Beispiel „Study for turning chairs around a table“ (1971): Vier Stühle, geometrisch um einen Tisch arrangiert, ihre Bewegungen angedeutet.

Viele dieser Bilder haben etwas erschreckend Klaustrophobisches. Die Räume sind geschlossen und fensterlos, manchmal haben die Wände Ohren und wirken wie Verhörzimmer. Geschlossene Käfige stecken in vergitterten Kisten, Menschen sitzen auf Stühlen, angestrahlt von grellem Licht, jemand putzt einem anderen die Schuhe. Oft sind die Zeichnungen Studien und Skizzen für Performances und Rauminstallationen (leider in dieser Schau nicht zu sehen).

Häufig erscheinen die Motive in der Vogelperspektive. Laury war Fallschirmspringer im Krieg von 1973. Arbeiten wie „Fear of death (study for sky message)“ (1973) zeigen ein Flugzeug, das Friedensbotschaften in die Luft schreibt. Tatsächlich versuchte der Künstler einen Pilotenfreund zu überreden, diese Wörter an den Himmel zu schreiben, die Realisierung scheiterte jedoch.

Eine Kopfverletzung brachte Laury zur Beschäftigung mit dem Gehirn und seinen Funktionen, ein Thema, das ihn bis heute begeistert. Eine Arbeit von 1975 zeigt Omelette und Gehirne in der Pfanne, dazu Bleistiftnotizen („Study for Cooking Art“).

Seine neuesten Arbeiten, eine Serie faszinierender Radierungen, widmen sich zum Beispiel der Gedankentransplantation. „Exchange Hyper-Intelligence“ (2013) wirkt wie eine wissenschaftliche Anleitung. Mensch und Roboter stehen sich gegenüber, die „Ultrahuman Maschine“ übergibt Gehirnmasse an den menschlichen Kollegen. Andere Bilder zeigen Raumschiffe und wabenartige Siedlungen auf fremden Planeten sowie miteinander vernetzte Neuronen.

Bis 11. August; di-so 10–17 Uhr, mi 10–20 Uhr; Katalog 25 Euro; Tel. 0234/9104230; www.

bochum.de/kunstmuseum

Quelle: wa.de

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