Mendes inszeniert „Sturm“ bei den Ruhrfestspielen

RECKLINGHAUSEN Zwei schiffbrüchige Matrosen und ein einfältiger Erdgeist planen einen Mord. Doch sie drehen sich im Kreis, einem Kreis in Form einer mit Sand bestreuten, hell erleuchteten Insel. Von Anke Schwarze

Die Verschwörer wissen nicht, dass sie durch einen Willen von außen gelenkt werden – durch den Magier Prospero, gegen den sich das Komplott richtet. Wie jemand, der Regie führt, beugt sich Prospero am dämmerigen Rand der „Insel“ über ein Lesepult, inmitten aufgetürmter Alltagsgegenstände.

Als Fluchtpunkt der Phantasie interpretiert Regisseur Sam Mendes die Insel in Shakespeares Spätwerk „Der Sturm“ bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Die Insel symbolisiert jene Phantasiewelt, in der Menschen Illusionen schaffen und ihrer Vorstellungskraft freien Raum lassen können. Mendes, der Regisseur von „American Beauty“, feierte bei den Ruhrfestspielen die Deutschlandpremiere seiner Inszenierung. Das Stück ist mit international bekannten Schauspielern und Musikern aus Großbritannien und Amerika besetzt. Die Gruppe nennt sich „The Bridge Project“.

Mit wenigen Mitteln schufen Regisseur und Darsteller eine eindrucksvoll gespielte, atmosphärisch fesselnde Vorstellung. Dabei problematisierten sie die Möglichkeiten und die Macht, die in menschlicher Gestaltungskraft liegen. Wenn der Magier Prospero in wallendem Mantel und mit Zauberstab den Inselkreis abschreitet, weckt das Erinnerungen an mittelalterliche Bilder eines Schöpfergottes, der über die Erdscheibe regiert. Eine bukolische Hochzeitsszene oder eine pathetisch vorgetragene Vision reiner Liebe kann Prospero mit einem Hinweis desillusionieren: „Geister, die mein Wissen aus ihren Schranken rief, um vorzustellen, was mir gefällt.“ Der Magier Prospero, einst Herzog von Mailand, nach einer Intrige verbannt auf eine einsame Insel, herrscht dort über die Elemente. Darauf spielt Mendes in einer Kulisse aus warmen Erdtönen mehrfach an. Spielereien mit Wasser und Licht schaffen Gags und Überraschungen.

Das Märchenhafte des Stücks betont Mendes durch musikalische Untermalung und Vertonungen von Textpassagen. Percussions- und Effektinstrumente sowie reine Sopranstimmen schaffen sphärische Schwingungen.

Bezeichnend für Shakespeares letztes Drama ist, dass seine Hauptfiguren sich nicht eindeutig in Gut und Böse einteilen lassen. Diese Widersprüchlichkeit wird durch das differenzierte Spiel der Darsteller tadellos herausgearbeitet. Stephen Dillane ist ein charismatischer wie zwiespältiger Prospero. Ein kultivierter Intellektueller, ein gütiger und zärtlicher Vater, andererseits ein Sklaventreiber, der sich Caliban untertan macht, der den Luftgeist Ariel moralisch unter Druck setzt, der selbst seine Tochter nach seinem Gutdünken manipuliert. Kongenial erweist sich Christian Camargo in der zweiten großen Rolle des Stücks, Prosperos Handlanger Ariel. In seinen Bewegungen das Luftige des Geistes verkörpernd, wechselt er zwischen engelsgleicher Unschuld, verführerischer Nymphe und zürnenden Harpyie. Als sein Gegenpart überzeugt der Afro-Amerikaner Ron Cephas Jones. Sein versklavter Caliban ist unheimlich und animalisch und schafft es dennoch, in den Klagen über sein Leben menschlich zu wirken.

28., 29., 30. Mai, Tel. 02361/ 92180, http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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