Meisterwerke des Fotografen August Sander in der SK Kulturstiftung Köln

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Eine Ikone der modernen Fotografie: Mädchen im Kirmeswagen (1926–1932) von August Sander, zu sehen in der Kölner. SK Kulturstiftung

KÖLN - Scheu blickt das Mädchen aus dem Fenster des Kirmeswagens. Eine verlorene Gestalt, eine gefangene Prinzessin, sie könnte vieles sein. August Sander nutzte in seiner Fotografie die Nähe, und er komponierte die Aufnahme durch die gleichsam doppelte Rahmung durch. Der aus dem Fenster ragende Arm ist ein Stilmittel der barocken Malerei, um die Illusion von Raum zu erzeugen. Kein Wunder, dass dieses auf den ersten Blick so nüchterne und doch mit Emotion aufgeladene Bild zu einer Ikone der Fotografie wurde.

Jetzt kann man das Foto in Köln in einem eigenhändigen Abzug Sanders sehen. Er kam als Leihgabe vom Museum of Modern Art in New York an den Rhein in die Ausstellung „August Sander: Meisterwerke“. Die Schau bietet einen Querschnitt durch das Lebensprojekt, das der Fotograf von den 1920er Jahren bis an sein Lebensende verfolgte: eine Galerie der „Menschen des 20. Jahrhunderts“. Er wollte einen Spiegel der Zeit erstellen, indem er Menschen aller Berufe, Alter und Schichten vorstellte.

In der Photographischen Sammlung der SK Kulturstiftung ist eine Auswahl der besten Bilder zu sehen, mehr als 150 Exponate, ausschließlich in Vintage Prints. Ausgestellt sind alle 60 Aufnahmen aus dem 1929 erschienenen Buch „Antlitz der Zeit“. Die Stiftung besitzt den Nachlass des 1876 in Herford geborenen, 1964 in Köln gestorbenen Fotografen. Für die Schau wurden Leihgaben des MoMA, des Getty Museum in Los Angeles, der Berlinischen Galerie und privater Sammler zugezogen. Sie bietet die Chance, die Bilder so zu betrachten, wie der Künstler sie „meinte“. Sander gilt als Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Doch seine Abzüge weisen nicht die kalte Klarheit auf, die man vermuten könnte, sondern sind oft tonig, geradezu romantisierend.

Für die Ausstellung wurde an einer Wand die „Stamm-Mappe“ rekonstruiert, die er den „Menschen des 20. Jahrhunderts“ vorangestellt hatte. Zwölf Aufnahmen von Westerwälder Bauern sollten sozusagen menschliche Archetypen definieren. Warum der mit leiser Ironie über die Pfeife blickende Mann das Etikett „Der Philosoph“ bekam und der im Lehnstuhl sitzende Bärtige, der die Brille abgenommen hat und ein Buch hält, „Der Stürmer oder Revolutionär“ sein soll, das weiß niemand.

Sander wollte eine illustrierte Klassifizierung bieten. Aber wie sieht ein „Industrieller“ aus? Sanders Foto von 1929 zeigt einen Mann mit einem Hautfleck im Gesicht und einem schmalen Oberlippenbart in einem gut sitzenden Anzug. Die Hände hält er in einer Geste, die ein wenig an die Merkelraute erinnert. Ist das typisch? Oder könnte man sich nicht auch den Schriftsteller und Literaturkritiker Detmar Heinrich Sarnetzki in der Rolle vorstellen? Der Beruf und der soziale Stand zeichnen sich eben nicht unmittelbar in der Physiognomie ab. Eins der bekanntesten Bilder Sanders zeigt einen „Konditor“ (1928), und in dieser wuchtigen Gestalt, die so imposant hinter der Rührschüssel steht, würde man doch eher einen Metzger erwarten.

Man sollte das Projekt wohl besser nicht als sozial- oder gar naturwissenschaftliche Klassifizierung auffassen. Vorbildhaft ist vielmehr der unvoreingenommene Blick, der jeden Menschen für bildwürdig nimmt. Die Porträtierten werden zwar oft mit zuweilen fragwürdigen Etiketten bedacht wie „Winkeladvokat“ (1952), aber sie treten dem Betrachter doch vor allem Individuen entgegen. Sander gelang es, die unterschiedlichsten Menschen zum Posieren zu überreden. Das war nicht immer einfach, denn er arbeitete mit einer großen Plattenkamera. Und doch standen ihm die Gasmänner Modell, hielt ihm die „Proletariermutter“ das Baby stolz entgegen, stellte sich der Berliner Kohlenträger für ihn in die Kellertür, als hätte Sander ihn im Vorübergehen spontan erwischt. Diese Aufnahmen sind zwar gestellt, erscheinen dem Betrachter heute aber als natürlich.

Und natürlich war der Blick Sanders unverstellt. Er zeigt den Bankier (1930) neben dem Streichholzverkäufer (1927). Er zeigt den Corpsstudenten, viele Künstler, mit denen er befreundet war, wie Anton Räderscheidt, den er 1926 auf einer menschenleeren Straße ablichtet, und Otto Dix, eine Putzfrau (1928), einen Ingenieur am Schreibtisch (um 1935), in der einen Hand den Kugelschreiber, in der anderen den Telefonhörer. Manches mochte provokativ erscheinen in dieser Reihung, zum Beispiel das Bild des beinlosen Kriegsinvaliden im Rollstuhl. Selbst einen Hitler-Jungen fotografiert er 1938, als das NS-Regime ihn schon längst drangsaliert. Sein Sohn Erich wurde als Linker inhaftiert, Sander fotografiert ihn 1943 unter dem Signum „Politischer Häftling“.

Letztlich sind Sanders Aufnahmen einfach vorzügliche Porträts. Den Maler Heinrich Hoerle porträtiert er wie in einem Renaissancegemälde, und in der Schau ist der Abzug zu sehen, den Sander seinem Freund schenkte. Unten hat er signiert, und bei ASander überlagern sich A und S wie das A und D in Dürers Signatur. Sander nahm Menschen auf, die an seine Tür kamen, die Bettlerin ebenso wie den Gerichtsvollzieher, der ihm in Zeiten von Geldknappheit gerade „einen Kuckuck an die Tür geklebt hatte“. Manche Bilder retuschierte er sogar wie die berühmte Aufnahme vom Handlanger mit den Ziegeln auf den Schultern (1928). Aber auch Momente höchster Authentizität bietet die Schau: Auf dem Anzug des Architekten Hans Poelzig (1929) sieht man eine Fliege sitzen.

Bis 27.1.2019, tägl. außer mi 14 – 19 Uhr, Tel. 0221/ 888 95 300, www.sk-kultur.de, Katalog, Verlag Schirmer/Mosel, München, 58 Euro

Parallel zeigt die Stiftung Bildnisse von Hugo Erfurth (1874–1948) und Werke des ersten Trägers des August-Sander-Preises (5000 Euro), Francesco Neri, der Bauern in seiner norditalienischen Heimatregion fotografiert.

Quelle: wa.de

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