Meinhard Zanger spricht über den Erfolg des Wolfgang Borchert Theaters

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Engagiert und zielstrebig: Meinhard Zanger, Chef des Wolfgang Borchert Theaters in Münster.

MÜNSTER -  Das Wolfgang Borchert Theater in Münster hat eine fulminante Spielzeit hinter sich: 99,5 Prozent Auslastung und 28 000 Zuschauer. Meinhard Zanger konnte 2012/13 sogar 8200 Menschen mehr begrüßen als im Vorjahr. Der Intendant, Regisseur und Schauspieler sprach mit Achim Lettmann über das Privattheater, das seit 1956 an verschiedenen Orten in Münster spielt. 2014 soll eine neue und größere Bühne eröffnet werden.

Wie erklären Sie sich die Akzeptanz beim Publikum?

Meinhard Zanger: Für mich sind das drei Punkte. Der erste, wir machen qualitätsvolles Theater. Der zweite Punkt ist die Frage des Spielplans. Ich glaube, dass wir Stücke im Spielplan haben, die den Nerv der Zuschauer treffen. Wir greifen Themen auf, die in der Gesellschaft offenbar virulent sind. Wir haben ein Kultstück, „Frau Müller muss weg“. Es ist eigentlich eine Aneinanderreihung von Klischees. Aber es gibt einen genialen Kunstgriff, den der Autor Lutz Hübner gemacht hat. Er hat die Rolle des Lehrers anders definiert, als wir es kennen. Zum Beispiel bei Herman Hesses „Unterm Rad“, wo der Lehrer der Täter ist. Jetzt ist die Lehrerin das Opfer. Und dieser Elternabend ufert aus, er wird zu einer Mobbing-Veranstaltung. Das sind natürlich Themen, die gesellschaftlich auf den Nägeln brennen. Eltern wie auch Lehrerinnen und Lehrer werden berührt. Das ist die Klientel, die in das Stück strömt. Der dritte Punkt ist, dass wir im letzten Jahr den „Sommernachtstraum“ im Gasometer gemacht haben. Wir gehen davon aus, dass wir auch theaterfremde Menschen ans Theater geführt haben, die den Event für sich entdeckt haben und sich dann fragten, wer hat denn das Stück auf den Weg gebracht.

Setzen Sie im neuen Spielplan auf ähnliche Themen? Das Stück „Wir lieben und wissen nichts“ von Moritz Rinke ist angekündigt.

Zanger: Das Stück ist zur Zeit en vogue. Es beschreibt die Lebenssituation der 30- bis 40-Jährigen, also unsere Hauptklientel an Zuschauern. Es beschreibt die spezielle Form des Wohnungstausches aus berufliche Gründen. Das wird als Möglichkeit des Umsiedelns immer mehr genutzt. Und in diesem Stück werden die Lebensentwürfe dieser Generation beschrieben, auch die Lebenslügen, so dass zum Ende die Wahrheit immer mehr durchbricht. Ich glaube, dass das ein Stück ist, das auch hier gut laufen kann. Und wir zeigen „Der Vorname“, ein Stück von 2010, das in Frankreich gut ankommt und bereits verfilmt wurde. Es beschreibt die Situation von jungen Familien. Eine Familie hat die andere zu Gast. Es gibt ein marokkanisches Mahl, und dann sagen die eingeladenen Freunde, dass sie ein Kind bekommen und sie nennen es Adolf. Das geht aus political-correctness-Gründen nicht. Daraus entzündet sich ein Streit, ähnlich wie beim „Gott des Gemetzels“.

Sie stellen drei Mitarbeiter für Beleuchtung, Dramaturgie und Regie vom Stadttheater Paderborn ein. Haben Sie gute Kontakte nach Ostwestfalen?

Zanger: Nein, das hat damit zu tun, dass in Paderborn ein Intendantinnenwechsel stattfindet. Dort sind Leute nicht übernommen worden und die sind nun auf dem freien Markt. Nach eingehender Prüfung haben wir gesagt, die kommen nun zu uns. Naja, Tanja Weidner, die hat in Paderborn zweimal inszeniert, aber bei uns schon vier-, fünf mal. Insofern ist sie ein „Gewächs“ aus unserem Haus. Das Entscheidende ist, dass wir zwei Stellen mehr schaffen. Wir stellen uns bereits für das neue Theater auf.

Die Kommunen bedrängen Theater mit Sparplänen. Wenn das Publikum solche Meldungen hört, wendet es sich dann vom Stadttheater ab und nimmt Off- und Privatbühnen mehr wahr?

Zanger: Das weiß ich nicht, ob es diesen Zusammenhang gibt. Was ich feststelle, es gibt eine gewisse Müdigkeit im Publikum, über diese Themen zu diskutieren. Das kann ich verstehen. Es werden Theaterkrisen herbeigeredet. Kein Zuschauer hat Lust, in eine Krise zu gehen. Der Zuschauer möchte ins Theater gehen, er will sich abends entspannen oder auf neue Gedanken gebracht werden. Und die ewige Diskussion ums Geld, die ermüdet das Publikum. Deshalb halten wir diese Diskussion vom Publikum fern.

Haben Sie den Eindruck, dass die Theater in Münster vom Wettbewerb profitieren?

Zanger: Den Eindruck habe ich sehr. Durch den Intendantenwechsel an den Städtischen Bühnen ist auch frischer Wind ans Stadttheater gekommen. Es wird die Lust belebt, ins Theater generell zu gehen. Ich finde, nichts ist tödlicher als ein tödliches Stadttheater. Es ist immer der Gradmesser auch für andere Theater.

Die Städtischen Bühnen in Münster sind vom Rat bis 2018 finanziell ausgestattet worden mit jährlich 20 Millionen Euro. Die freie Szene fürchtet, dass nicht mehr viel übrig bleibt. Das Pumpenhaus beispielsweise hat Angst. Sie auch?

Zanger: Ich fühlte mich bei der Diskussion nicht angesprochen. Ich glaube, da ist versucht worden, die Szene für politische Interessen zu instrumentalisieren. Wir sind im Wahlkampf.

Bei Ihrem Privattheater sind die städtischen Zuschüsse nicht so wichtig, weil Sie bereits mehrere Geldgeber haben. Könnten Sie in der Gelddiskussion noch benachteiligt werden?

Zanger: Nein, diesen Eindruck habe ich nicht. Es geht da um Projektkostenzuschüsse für freie Gruppen, die temporär zu stellen sind. Und wir bekommen ja einen Betriebskostenzuschuss, der jährlich vom Rat beschlossen wird. Wir bekommen die sogenannte institutionelle Förderung, ebenso wie sie das Stadttheater bekommt. Und deshalb ist es eine andere Diskussion. Wir sind ein privater Kulturträger, und unsere Finanzierung stützt sich auf öffentliche Förderung, mäzenatisches Engagement und eigene Einnahmen. Unser Eigeneinnahme-Anteil liegt bei fast 50 Prozent. Da kann ja keine andere kulturelle Institution mithalten.

Sie eröffnen am 13. September die Spielzeit mit „Leonce und Lena“ von Georg Büchner. Ein zeitbezogenes Stück. Wie schaffen Sie Aktualität, und wie garantieren Sie Verständlichkeit?

Zanger: Garantieren kann ich gar nichts. Aber ich kann es mit Brecht halten: Der Zuschauer hat nicht das Recht, alles zu verstehen. Aber das ist nicht der Punkt. Ich habe im Kern zwei Anliegen. Der eine wesentliche Strang ist die Welt, in der Leonce lebt. Er fühlt, wenn immer die Naturmetaphern bedient werden, dass er in einer künstlichen Welt lebt. Und da gibt es heute Parallelen mit der virtuellen Welt. Gehen wir noch auf den Bauernhof oder spielen wir Farmville? Ist die Kommunikation der direkte Austausch oder geht es über Facebook? Der andere Erzählstrang ist die Hof-, die Zeremonialsatire. „Leonce und Lena“ ist ein Stück über die politische Restauration. Da finde ich schon Parallelen in der heutigen Welt. Dass wir in restaurativen Zeiten leben, also wo der angeblich in einer Demokratie frei lebende und frei denkende Bürger entweder von einer Regulierungswut erdrosselt wird oder halt ausgespitzelt wird. Da gibt es sehr viele satirische Elemente. Ich versuche, das auf heute zu übertragen.

Also eine Demokratie-Kritik ist zu erwarten.

Zanger: Eine Kritik an den Verhältnissen heute, wie wir sie erleben. Das ist restriktiv: damals im Feudalstaat oder heute im ökonomisch dominierten Kapitalismus, es ist ja dasselbe. Das ist die Entwicklung, die die Gesellschaft genommen hat, oder: zweihundert Jahre politische und wirtschaftliche Systeme. Bis auf die Tatsache, dass wir nun geteerte Straßen haben und nicht mehr in Lehm rumlaufen müssen, hat sich da nicht viel verändert.

Das Wolfgang Borchert Theater startet die Spielzeit 2013/14:

13. 9. Leonce und Lena von

Georg Büchner; 14., 15., 17., 18., 22. 9.

19. 9. Titus (im Conrad-Schlaun-Gymnasium), ein Klassenzimmerstück für Schulen.

20.9. Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer; 21.9.

26.9. Alle sieben Wellen von D. Glattauer; 28., 29. 9.

Tel. 0251/40019;

Hafenstr. 6-8, Münster; www.

wolfgang-borchert-theater.de

Quelle: wa.de

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