„Mein Revier“: Der zweite Tatort-Krimi aus Dortmund

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Ein Grenzgänger: Kommissar Faber (Jörg Hartmann) im ARD-Tatort aus Dortmund. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Wütend drischt Kommissar Faber mit dem Baseballschläger auf das Auto ein. Er sieht durchgeknallt aus. Dabei handelt er durchaus nach einem Plan. Er fühlt sich in den Täter eines Mordes ein. Als der Besitzer des Schrottplatzes ankommt und empört fordert: „Dafür müssense aber bezahlen“, fragt er trocken: „Wieviel?“ Und nach einem „Fuffi“ sind beide wieder Freunde.

Der erste Tatort aus „Dortmund“ hatte eine gute Quote. Und ein gespaltenes Echo. Die Ermittler aus dem Ruhrgebiet geben nicht die weißen Ritter ab, die viele Fernsehzuschauer gern als Identifikationsfiguren hätten. Speziell Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) leidet offensichtlich an Störungen. Er wirkt manchmal wie ein Soziopath, auch im zweiten Film „Mein Revier“. Da durchwühlt er den Schreibtisch eines Kollegen nach einer Akte. Oder reizt einen zwielichtigen türkischen Geschäftsmann so lange, bis der ihm auf die Nase haut. Aber er kann auch anders: Mit einem Streifenpolizisten nimmt er kumpelhaft einige Biere und Kurze.

Angekündigt war ein Viererteam aus Dortmund. Tatsächlich beherrscht Faber die Szene. Nicht zuletzt, weil Hartmann ihn so grandios als Grenzgänger zwischen, nunja, Genie und Wahn spielt. Da wirkt selbst die Kletternummer auf dem Geländer einer Brücke nicht aufgesetzt. Und morgens holt ihn die Kollegin aus der Ausnüchterungszelle, und er ermittelt in Pulli und Parka gleich weiter.

Der zweite Fall führt Faber in die Nordstadt, einen sozialen Problembezirk Dortmunds, ein Altbaugebiet mit rund 42 Prozent Ausländeranteil. Hier wurde ein „Drogendealer, Zuhälter, Vollarschloch“ erschossen, dem der Polizist aus der Nachbarschaft keine Träne nachweint. Offensichtlich hatte der Mann nicht nur gerade Kokain durch einen gerollten 500-Euro-Schein geschnupft, sondern sich auch oral von einer Prostituierten verwöhnen lassen. Faber und seine Leute suchen nach einer vom Täter unbemerkten Zeugin.

Regisseur Thomas Jauch und Autor Jürgen Werner hatten schon den ersten Dortmund-Tatort gedreht, in dem sie die Stadt von ihrer Hochglanz-Seite zeigten. Nun gehen sie in den Hinterhof. Die Nordstadt sieht bei ihnen noch schmuddeliger aus. Aber die Realität mit Huren, „Arbeiter-Strich“ (wo Bulgaren von Männern in dicken Autos für schwarze Tagejobs abgeschleppt werden) und überteuerten Wohn-Höhlen ist durchaus getroffen. Und ein bisschen Klischee darf sein.

Die junge Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) wohnt direkt gegenüber dem Büro des Ermordeten. Zur Tatzeit lag sie gerade mit ihrem Kollegen Daniel Kossik (Stefan Konarske) im Bett. Aber eigentlich bewegt sich die Polizei auf fremdem Gelände. Das sei jetzt „unser Revier“, sagt der aalglatte türkische Chef des toten Dealers zu Faber. Hier herrsche „Krieg“, formuliert es der Polizist Polland.

Die Mördersuche ist durch die kräftige Milieuzeichnung und durch gute Darsteller schon spannend. Hinzu kommt, dass der Dortmunder Tatort als durchgehende Erzählung angelegt ist, anders als in den Filmen an anderen Schauplätzen. Die Affäre zwischen den beiden Jungkommissaren geht weiter. Fabers Stellvertreterin Bönisch (Anna Schudt) muss neben dem Job eine komplizierte Familie managen mit einem Drogen konsumierenden Sohn. Da gönnt sie sich eine Auszeit mit einem Callboy. Und Faber findet Umschläge auf dem Schreibtisch mit Zeitungsartikeln über Frau und Tochter, die in Lübeck bei einem Unfall starben. Wundert es jemanden bei so einem anonymen Mobbing, wenn der Kommissar nochmal zum Baseballschläger greift?

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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