Ian McEwan und sein neues Buch „Die Kakerlake“

Ian McEwanbritischer SchriftstellerFoto: Annalene McAfee / Diogenes Verlag

Der erste Satz soll dem Leser vertraut erscheinen: „Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.“ Darin steckt noch genug von Franz Kafkas erstem Satz der „Verwandlung“. Jim Sams, der Held in Ian McEwans Roman „Die Kakerlake“, wird nicht zum Insekt, sondern war vorher eins. Und wie sich der britische Bestsellerautor in das Kerbtier einfühlt, das ist schon ein Kabinettstück. Wie Jim seine sechs dünnen braunen Beine vermisst, wie er sich an das Atmen mit Tracheen erinnert oder an die Kommunikation mit Pheromonen. Der Ekel über den neuen menschlichen Körper wird zelebriert, zum Beispiel beim „glitschigen Fleischlappen“ im Mund, da, „wo vormals prächtige Mandibeln geprangt hatten“.

Das Surreale bietet McEwan Zuflucht bei seiner Satire auf den Brexit, den Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Hier findet er Bilder, um das Ungeheure auszudrücken, als das ihm die Politik seines Landes erscheint. Und „The Cockroach“ erschien im Original vor dem Wahlsieg des konservativen Politikers Boris Johnson.

Dass McEwan den britischen Premier als verwandelte Kakerlake abbildet, bei der eine sterbende Schmeißfliege immer noch unwiderstehlichen Appetit weckt, kann man als Gradmesser für die Verzweiflung und Verachtung über die aktuellen Zustände deuten. Geht McEwan damit zu weit, wie manche britische Kritiker meinen? Fintan O‘Toole schrieb im britischen „Guardian“: „Politische Gegner mit Kakerlaken zu vergleichen, ist eine toxische Metapher mit übler politischer Vorgeschichte, und es ist daher schwer, McEwans Novelle ohne ein gewisses Unbehagen zu lesen.“ Und der konservative „Spectator“ vergleicht McEwans Darstellung eines gewählten Politikers als Kakerlake mit dem Sprachgebrauch der Völkermörder in Ruanda.

Die Kritiker freilich missachten den Unterschied zwischen einem literarischen Text und politischer Ansprache. Schon dass der Autor die Kakerlaken-Perspektive einnimmt, hebt den Text von bloßer Schmähung ab. Und grobe Satire hat durchaus Tradition in der britischen Literatur.

McEwans Roman gewinnt aus der größtmöglichen Überzeichnung einen schönen Schwung. Jim Sams betreibt nicht den Brexit. Im Roman steht für das unsinnige und für alle Seiten schädliche Projekt eine andere Idee, der Reversalismus. Die britische Regierung möchte den Geldfluss umkehren, so dass man für einen Job kein Geld bekommt, sondern welches abgibt. Zum Ausgleich bezahlt man beim Einkaufen nicht, sondern kassiert zum neuen Tesla den Kaufpreis. Sparen ist verboten, damit das Geld in Bewegung bleibt. Sams und die Seinen fantasieren davon, drei neue Atomwerke zu bauen, weil das Milliarden in die Staatskasse schwemmen würde. Freilich berücksichtigen die „Rückdreher“ nicht, dass zum Beispiel die Deutschen keine Lust verspüren, ihre auf die Insel zu liefernden Autos noch mit Geld vollzustopfen. Wer allerdings solche Argumente anführt, wird von den Reversalisten als „Vordreher“ geschmäht und aus dem Amt gemobbt wie der Außenminister.

McEwan baut noch einige weitere Handlungen ein, lässt Sams eine diplomatische Krise beschwören wegen eines Fischerbootes, das illegal vor der französischen Küste unterwegs war und mit einer Fregatte kollidierte. Sams versucht, den US-Präsidenten Archie Tupper auf seine Seite zu ziehen, und antwortet auf die hilflose Frage der deutschen Bundeskanzlerin, warum er das tut: „weil“.

McEwans Text überträgt die ohnehin absurde reale Politik in eine wilde Verschwörungstheorie – und bleibt im Ton cool. Das Buch wird keinen Brexiteer vom Unsinn des Brexit überzeugen, es wird überhaupt nichts ändern. Aber es zeigt, dass wenigstens die Kakerlaken wissen, was gut für sie ist. Das haben sie den Menschen in diesem Roman voraus.

Ian McEwan: Die Kakerlake. Deutsch von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, Zürich. 133 S., 19 Euro

Quelle: wa.de

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