Maxim Gorkis „Barbaren“ in Oberhausen

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Für sie gibt es kein Glück: Szene aus „Barbaren“ in Oberhausen mit Henry Meyer, Michael Witte und Susanne Burkhard.

OBERHAUSEN - „Freibeuter sind das... Barbaren, Störenfriede“, schimpft der alte Bürgermeister Redosubow (Hartmut Stanke). Er meint die beiden Ingenieure, die die Eisenbahn in die verschlafene Provinzstadt bringen sollen. Sie aber denken über ihre Gastgeber nicht besser: Idioten, Wilde. Welten treffen aufeinander in Maxim Gorkis Stück „Barbaren“.

Peter Carp inszeniert das 1905 entstandene, hierzulande selten gespielte Frühwerk des russischen Autors am Theater Oberhausen. Gorki gilt eigentlich als Dramatiker der Revolution. Und auch hier schildert er den Konflikt zweier Lebensweisen. Die beiden weltläufigen Techniker, Großstadtmenschen, die einander frankophil als „George“ und „Serge“ anreden, sie mischen die geordneten Verhältnisse in der Provinz auf. Schnell ist der Kleinstadtdiktator Redosubow entmachtet, und die unsauberen Geschäfte von Prytkin, der eine reiche Witwe geheiratet hat, um an ihr Geld zu kommen, fliegen auch auf.

Fortschritt bringt das freilich nicht. Denn die Techniker verfallen umgekehrt der ländlichen Trägheit. Zyganow (Henry Meyer) denkt ohnehin vor allem an das nächste Getränk. Und der rothaarige Tscherkun (Martin Hohner) hat zwar seine Frau Anna (Laura Angelina Palacios) dabei, bändelt aber ungeniert mit jeder halbwegs attraktiven Frau an. Das wird der unglücklich verheirateten Nadja (Susanne Burkhard), die einfach zuviele Liebesromane liest, zum Verhängnis werden, die er in einem schwachen Augenblick küsst. Kurz darauf aber gibt er sie ihrem Mann, dem Steuerbeamten Monachow (Michael Witte) „zurück“. Worauf sie sich erschießt.

Dieses tragikomischen Zustandsbeschreibungen einer ländlichen Langeweile erinnern an die Seelendramen von Tschechow. Und so bringt sie Carp auch in Oberhausen auf die Bühne, von Kaspar Zwimpfer mit einem wunderbaren Labyrinth aus alten Haustüren und Gittern zugleich zugestellt und durchsichtig gemacht. Sie spielen Karten, sie schmieden Pläne, sie trinken unentwegt – und bringen zum Beispiel den jungen naiven Sohn des Bürgermeisters auf den Geschmack von Chartreuse.

Und sie verpassen unentwegt ihr Glück, weil einfach niemand von dem zurückgeliebt wird, dem er gerade verfallen ist. Und weil die Kreisstadt so eng ist, gibt es keine Geheimnisse. Immer lauscht jemand am grobmaschigen Zaun. Nicht einmal die freche und starke Bürgermeisterstochter Katja (Lise Wolle), die im politisch entflammten Studenten Lukin (Thieß Brammer) eine Chance zum Ausbruch sieht, kriegt die Abreise hin, weil sie gerührt ist von den Tränen ihres Vaters.

Mit 15 Darstellern bringt das Stück ein kleines Haus wie Oberhausen an Grenzen. Umso frappierender, wie homogen das Ensemble spielt. Selbst eine Nebenrolle wie der Kleinbürger Pawlin, der sich für jeden Botengang einspannen lässt und doch lieber Philosoph wäre, ist mit Klaus Zwick so besetzt, dass er im Gedächtnis bleibt.

Allein die beiden verzweifelten Frauen. Susanne Burkhard verleiht der nach einer romantischen Liebe dürstenden Dorfschönheit Nadja, von ihrem Mann hassgeliebt, vom potenziellen Liebhaber gedemütigt, eine leise Intensität. Laura Angelina Palacios spielt berührend den Schmerz der Anna, die den Ingenieur noch immer will, aber ihm gleichgültig ist. Hohner lässt die zentrale Figur des Tscherkun zwischen Arroganz und Augenblicken des Mitfühlens schillern. Henry Meyer ist ein herrlich zynischer Ingenieur Zyganow.

Fein austariertes Schauspielertheater, psychologisch genau gezeichnet.

20., 30.4., 13., 22.5.,

Tel. 0208 / 8578 184,

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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