Mauro Bigonzettis Choreografie „Alice“

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Hingebungsvoll: Szene aus „Alice“ in Dortmund mit Ida Kallanvaara und Dustin True.

DORTMUND - Vergessen wir das weiße Kaninchen! Alle üblichen Alice-im-Wunderland-Devotionalien – Haarband, blaues Kleid – gehören höchstens anspielungsweise in Mauro Bigonzettis Choreografie „Alice“ nach Motiven aus den Romanen von Lewis Carroll.

Der italienische Choreograf hat „Alice“ vor vier Jahren für die Stuttgarter Gauthier Dance Company geschaffen. Jetzt tanzt das Dortmunder Ballett. Die Truppe hat schon mehrfach Werke von Bigonzetti aufgeführt und ist vertraut mit seinem klassisch fundierten Modern Dance, der explosiven Fröhlichkeit und dem skurrilen Humor, ebenso wie dem Chiaroscuro, das er bevorzugt: Licht und Schatten als deutlich umrissene Phänomene, die ein Zwischenreich erschaffen. Es ist ein kurzweiliges Erlebnis und ein großer Abend für Dortmund.

„Alice“ erschafft eine Fantasywelt: eine eigenständige Kreation. Er erzählt nicht nach, er zitiert wenig, er macht sein eigenes, farbenfrohes, italienisches Ding, ausgehend von der Idee eines kleinen Mädchens, das die Welt durch stets neue Perspektiven wahrnimmt. Bigonzetti teilt seine Hauptfigur: die große Alice und die kleine Alice leben eine Doppelexistenz. Am Ende wird die Nabelschnur getrennt. Dann schaut die große Alice, den Zylinder des Hutmachers auf dem Kopf, aus ihrer eigenen Geschichte heraus.

Die berühmten Figuren – Kaninchen, Hutmacher, Katze – sind zwar als solche erkennbar. Bigonzetti hat ein Stück für eine Gruppe geschaffen, aber bleibt bei der Warte der beiden Alices. Die Figuren sind ein ständig wechselndes Ensemble an Wesen, die auftauchen und ihre eigenen Zwecke verfolgen. Das hat viel von der Commedia dell’arte in der gezügelten Theatralik, den formell streng gebändigten Gruppentänzen. Der Hutmacher etwa wird durch einen podestgroßen Zylinder am Fuß behindert und als tragikomische Figur ausgestellt. Die Kostüme von Helena de Medeiros sind wie moderne Märchenskizzen, vom grafischen Tütü der Königin bis zu den fließenden Kleidern der beiden Alice, die geschickt und stylish Themen aus Gothic und Viktorianik zitieren.

Live-Musiker sind stets mit auf der Bühne, das sorgt für eine enge Verbindung von Bewegung, Spiel und Klang. Kehliger italienischer und spanischer Folk-Gesang eröffnet direkte, erdige Töne. Die Musik schlägt ins Geräusch, das leere Klappern von Querflötentasten tickt dahin wie die Zeit selbst. Die Musik von Antongiulio Galeandro, ASSURD und Enzo Pagliara schwankt zwischen Folklore und Kinderlied, treibt rhythmisch voran oder dreht mit einer Spieluhr, die als goldenes Wunderkistchen auf die Bühne gestellt wird, die Geschichte weiter.

Die Videoinstallation von Carlo Cerri (der auch Bühne und Licht verantwortet) öffnet die Perspektive ins Märchenhafte. Sie zeigt zu Beginn leere Bilderrahmen, zieht den Blick hinein in eine Bibliothek, in dem einem virtuelle Bücher alsbald um die Ohren fliegen. Die Bibliothek morpht zu einem heruntergekommenen Palast, der kippt und mit Wasser vollläuft. Die bezaubernden, detailreichen und doch aufgeräumten Bilder erinnern in der Farbgebung ein wenig an die „Alice“-Filme von Tim Burton.

Die Videos erinnern zunehmend an Rohrschachbilder. Die Königin (die unheimlich ausdrucksstarke Sae Tamura) taucht zunächst in Rot als Albtraumfigur auf, ihre starken Gesten erinnern an das ikonische „Ab mit dem Kopf“. Dann wird sie gekippt wie eine Spieluhr-Figur, kommt in Weiß wieder und verliert ihre Wirkmacht, während die beiden Alices zunehmend eigenständiger werden.

Ida Kallanvaara gibt die „kleine Alice“ puppenhaft, noch weich und suchend, zugleich hingebungsvoll, wenn sie sich vom Kaninchen praktisch herumschleudern lässt. Die „große Alice“ sollte von Jana Nenadovic vom Juniorballett NRW getanzt werden. Sie hat sich aber verletzt. So ist Anna Süheyla Harms von der Gauthier Dance Company zu sehen, für die Bigonzetti die Rolle geschaffen hat. Sie ist eckig in ihrer Größe, raumgreifend, ein reiferer, zugleich spielerischerer, weniger verträumter Gegenpol. Kallanvaara und Harms bilden ein Quartett mit dem Hutmacher, mit diabolischer Geste auf die Bühne gebracht von Michael Samuel Blasko, und dem Kaninchen. Giacomo Altovino tanzt wie eine überdrehte Schraube, kickt die Luft, dreht barfuß Tripledrehungen; ein toller Auftritt.

Großen Applaus und Respekt verdient die Leistung der Gruppe, aus der sich immer wieder Einzelakteure herausschälen wie Denise Chiaroni und Giuseppe Ragona, die als „Kater“ und „Katze“ ein Duett tanzen, in dem sich sogar die Füße zu umkrallen scheinen, aber auch Dustin True, der als Raupe schwindelerregende Schlängeleien auf die Bühne bringt.

16., 22.2., 2., 9., 18., 21., 31.3., 19., 21. 27.4.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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