Maurice Béjart Ballett feiert in Köln „Ballet for Life“

+
Zu Queens „Radio Gaga“ tanzt Fabrice Gallarrague den „Freddie“ in „Ballet for Life“ in Köln.

KÖLN - Keine Angst vor Leichentüchern! Nach einem blitzenden Donnerschlag erhebt sich das 32-köpfige Ensemble der Maurice Béjart Compagnie aus Lausanne langsam unten den Laken und lässt zur vitalen Queen-Musik „It’s a Beautiful Day“ alle irdische Schwere vergessen. Hier schauen junge Menschen ins Licht und recken ihre Arme in die Höhe, als ob sie Luft ansaugen zur Auferstehung. Es wird in Köln nichts Göttliches zu sehen geben, aber ein „Ballet for Life“.

Die Philharmonie zählt nun zu den zahlreichen großen Bühnen weltweit, wo das Premierenpublikum eine Choreografie gefeiert hat, die den Sieg des Lebens über den Tod tänzerisch vollendet. 1996 reagierte Choreograf Maurice Béjart auf den Aidstod von Freddie Mercury (1946–1991) und Jorge Donn (1947–1992), dem argentinischen Solotänzer seiner Ballett-Truppe. Donn wird noch in einer Videoeinspielung zu sehen sein. Es ist der Teil des Programms, der sich ganz in eine Hommage an die Künstler verwandelt. Die Compagnie nimmt ehrfürchtig auf dem Boden Platz und schaut, wie das Publikum. Diese Andacht stiftet ein gemeinsames Gefühl über die Bühnenrampe hinweg, das stark macht gegen eine todbringende Krankheit.

Die Absicht belegt, „Ballet for Life“ ist ein Zeitdokument, das allerdings nicht trösten will, sondern vielmehr die Liebe feiert. In den 1990er Jahren war Aids noch nicht beherrschbar. Dem Verlustschmerz wollte man begegnen.

Vor allem aber dominiert die Musik der britischen Rockgruppe Queen diesen Abend. Béjart (1927–2007) liebte die hyperexpressive Art Mercurys, schuf aber maßvolle, spielerische wie surreale Tanzbilder dazu. Der Franzose gilt als Erneuerer des neoklassizistischen Balletts und ist mit seinem eklektischen Stil wie geschaffen fürs Musikfernsehen. „Ballet for Life“ erinnert über weite Strecken an Clip-Produktionen für Rockpop-Musik. Das ist nicht abwertend gemeint, sondern atmet die Zuversicht, die auch jeder Choreograf in seine Bewegtbilder setzt.

In Köln streift die Compagnie kesse enganliegende Bodies von Versace über. Es sind sportive Menschen, die im Rhythmus der Zeit synchron funktionieren und den Blick zur Armbanduhr (oder Applewatch) brauchen. Das Kostümdesign des italienischen Modemachers (1946–1997), der mit Béjart seit 1984 zusammenarbeitete, ist farbreduziert und orientiert sich an den Queen-Shows, die dem Glamrock voraus waren. Dazu zählen nabelfreie Einteiler für Fabrice Gallarrague, der Freddie Mercury verkörpert, ohne die Tanzperformance zu sprengen. Die Choreografien bleiben geschlossen und schaffen über klassische ballettöse Grundschritte eine Eleganz, die dem ganzen Abend Pathos verleiht. „You Take My Breath Away“ ist eine surreale Liebelei mit Speichenkugeln, die ganz versonnen als Vehikel für Körper und Gefühle bewegt werden. Diese Abstraktion, die das klassische Ballett als blutleere Form idealisierte, löst Béjart in seiner Kunst, um gegenwärtige Bedürfnisse zuzulassen. Zum Stück „Get Down Make Love“ ist ein Paar zu sehen, das nicht das innigliche Gefühl zu zweit sucht, sondern seine Reize nach außen versprüht.

Musik von Mozart, das Klavierkonzert Nr. 21, grundiert ein Figurenspiel, das die Liebe in zwei perfekten Körpern erweckt, die bereits auf der Totenbahre hereingerollt werden. Dabei erscheinen Carme Andres, mit ihrem feinen Gesichtsprofil, und Mattia Galiotto so modelliert wie Skulpturen aus der Renaissance. Diesen Mystizismus, den Béjart auch in anderen Choreografien schätzt, gibt der temporären Tanzkunst etwas Ewigkeit mit.

Herrlich ist Oscar Chacón anzusehen, wie er als Solotänzer klassische Schrittfolgen ausführt, aber das Pathetische als individuellen Ausdruck präsentiert. Lebenslustig und verrückt wird „Radio Gaga“ interpretiert. 14 Tänzer vollziehen in einer weißen Box virile Bewegungen. Unterhosen-Reklame könnte auch so funktionieren. Freddie trägt Plateausohlen.

Zum Ende beherrscht die Atmosphäre eines Livekonzerts von Queen die Philharmonie (natürlich vom Band). Wenn das Musikerlebnis zur persönlichen Genugtuung wird, dann spürt der Rockfan tiefe Befriedigung. Die Choreografie zu „Love of My Life“ fällt gegenüber dieser Kraft ab und wirkt banal. Mit viel Format und Klasse verabschiedet sich dann das Ensemble zusammen mit Gil Roman. Der Choreograf hat die Béjart-Compagnie 2007 übernommen und bringt das Erbe seines früheren Ballettmeisters in aller Welt souverän zur Geltung: „The Show Must Go On!“

Der Tanz

Queen- und Mozart-Musik wird zu einem eleganten, spielerischen und surrealen Plädoyer für die freie Liebe, auch in unsicheren Zeiten.

Ballet For Life in der Kölner Philharmonie. Bis 2. August;

Vom 5. bis 9. August zeigt das Béjart-Ballet sein „Programm B“ mit drei Deutschlandpremieren.

Tel. 0221/280 280 oder Köln-Ticket 0221/2801

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare