Matts Leiderstam in der Kunsthalle Düsseldorf

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„Neandertahl Landscape“ (2008 - 2010) ist eine Installation von Matts Leiderstam. Sie umfasst sieben Tische, Bücher, Fotokopien, Texte und Zeichnungen, zwei digitale Projektionen, eine Computeranimation, Staffeleien, Spektiven, ein Skiaskop, historische Gemälde und Grafiken, zu sehen in Düsseldorf. Das Bild gibt eine Detailansicht wieder. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DÜSSELDORF – Zwei Fotos; sie porträtieren zwei Menschen, die ein Gemälde betrachten: Das eine Bild zeigt einen jungen Mann – blaue Trainingsjacke, kurze Haare, sportlicher Typ, der auf ein Gemälde des Malerfürsten Franz von Lenbach blickt. Auf dem anderen Foto sieht sich ein Mann, bekleidet mit rotem Hemd, die Haare und der Bart lang, das selbe Porträt an. Erst im Begleittext erfährt man, dass Matts Leiderstam im Rahmen eines Langzeitprojektes dieselbe Person abbildete. Über rund drei Monate betrachtete dieser Mann immer sonntags das historische Porträt und durfte sich während dieser Zeit nicht rasieren.

Das hier entstandene „Selbstbildnis“ (2002) steht nicht im Mittelpunkt der Ausstellung „Seen from Here“ in der Düsseldorfer Kunsthalle. Doch beschreibt es das Thema der Schau gut: Nicht allein das Kunstwerk ist wichtig; der Blick des Betrachters und der Moment der Begegnung sind ebenso entscheidend.

Matts Leiderstam ist ein Forscher, ein Analytiker, ein Sammler, der scheinbar beiläufigen Anekdoten aus der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Kunst akribisch nachgeht. So zählt er auch zu den wenigen Menschen, die in bildender Kunst promovierten. Aus diesem Geist entspinnen sich seine eigenen Installationen und Konzeptkunstwerke. Er legt den Produktionsprozess eines Werkes vollkommen offen und fordert wiederum den Betrachter auf, selbst durch Standortwechsel und Seh-Hilfen neue Bilder zu erzeugen.

Das große Thema der Schau ist das Rheinland. Die Installation „Neanderthal Landscape“ (2008 – 2010) erforscht anhand unzähliger Bilder, Dias, Videos sowie mithilfe verschiedener Seh-Instrumente die Düsseldorfer Malerschule des 18. und 19. Jahrhunderts unter Johann Wilhelm Schirmer. Sie inspirierte Generationen internationaler Landschaftsmaler.

Auf mehreren Tischen bietet Leiderstam hierzu Archivsituationen an. Zwei Porträts eines Jungen und eines Mädchen, zum Beispiel. Die Bilder malte Alexandra Frosterus Salti um 1858 in Düsseldorf; eine Malerin, die nicht zum Studium an der Kunstakademie zugelassen wurde. Leiderstam verfolgt an diesem Beispiel das Verhältnis von Geschlecht und Kunst, die Diskriminierung von Künstler und Subjekt durch die Jahrhunderte.

Solche Themen und Geschichten findet der Schwede in Details der Bilder, weshalb in den Räumen der Kunsthalle mehrere Lupen sowie starkvergrößernde, moderne und historische Ferngläser aufgebaut sind. Ihr Fokus ist auf eine Wand mit historischen Gemälden aus dem 19. Jahrhundert ausgerichtet, und durch die Instrumente erkennt man zum Beispiel die Signatur eines Künstlers.

Dieser zieht sich fast durch die gesamte „Neanderthal Landscape“ auf der Balustrade der Kunsthalle. Thematisch und physisch. In Abbildungen in historischen Alben, in Gemälden und Bildercollagen – und in einer Videoanimation. Bei Wanderungen durch das Neanderthal fiel Leiderstam ein Wasserfall auf, der manchmal versiegte. Er erfuhr, dass dieser von der Wassernutzung eines Kalkwerkes abhing. So ließ der schwedische Künstler den Fluss mit zwei Kameras filmen, um ihn in der Ausstellung nachzuvollziehen. Durch die Videoprojektion scheint das Wasser von der einen auf die andere Malerleinwand zu fließen. Die bewegten Bilder glitzern surreal, befriedigen den Drang des Auges nach Bewegung und sind einfach schön.

Die Verschiebung der Perspektiven und Ankerpunkte ist in Leiderstams Seh-Labor ganz unmittelbar zu erfahren. Während die Gemäldewand in der geschichteten Petersburger Hängung aus der Distanz nur als Sammlung von Ölbildern wahrgenommen wird, setzt ein Blick durch das historische Fernrohr, hinauf zu den Kunstwerken, einen neuen Schwerpunkt. Man erkennt auf Peter Janssens Werk „Das alte Neanderthal“ den Wasserfall, ganz unscheinbar und nun doch – aus dieser Perspektive gesehen – der Mittelpunkt der Schau.

Die Schau

Ein Seh-Labor, das Mechanismen der Kunstbetrachtung hellsichtig offenlegt.

Matts Leiderstam: Seen from Here in der Kunsthalle Düsseldorf. Bis 24. Mai. Di - So, 11 bis 18 Uhr, Katalog 28 Euro. Tel. 0211/8996243, http://www.kunsthalle-duesseldorf.de

Quelle: wa.de

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