Martin Stadtfeld spielt Bach in der Phiharmonie Essen

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Martin Stadtfeld ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Der Erste Konzertmeister der Münchner Philharmoniker ist ein glutvoller Streicher. Lorenz Nasturica-Herschcovici lässt seine Stradivari schluchzen und singen. Er ist Chef des Philharmonischen Kammerorchesters München, eines Ablegers des Traditionsorchesters. Mit 16 Streichern war er nach Essen gereist, um in der Philharmonie Martin Stadtfeld bei der Ausführung von Bach-Konzerten zu begleiten.

Martin Stadtfeld ist mit Bach zum Shootingstar der jungen deutschen Pianistenszene geworden. Die Goldberg-Variationen erschienen 2003. Stadtfeld wird dieses Jahr 32. Seinen Ruf als einer, der Bach anders spielt, pflegt er in Essen so unauffällig, dass zunächst das Streicherensemble in den Vordergrund rückt. Stadtfeld entzieht sich mit seinem modernen Steinway-Flügel der historisch informierten Aufführungspraxis. Seine Partie legt er mit großer Zurückhaltung an. In unisono geführten Stellen scheint er die Streicher zu begleiten, nicht umgekehrt. Ein Gleicher unter Gleichen, vielleicht noch weniger. Im ersten Satz des g-moll-Konzertes Nr. 7 zucken die Figuren nervös zwischen den Streichergruppen hin und her. Stadtfeld bleibt blass bis zum zweiten Satz, den er gemäß seiner bekannten Auffassung von Bach als Romantiker anlegt. Die Rhythmik ist organisch und kraftvoll, Stadtfeld kontrastiert sie durch tiefe Empfindsamkeit. Wie frech er sein kann, zeigt er im dritten Satz: die Dynamik wird gebrochen und unerwartet auf neue Höhen verfrachtet. Pianist und Ensemble hören mit größter Achtsamkeit aufeinander.

Ein Ohrwurm ist das Konzert Nr. 3 in D-Dur. Stadtfeld zeigt seine Finesse in dem verschatteten Auftakt, der trotzdem sonor klingt; in der Stringenz und Energie, mit der er die Themen im dritten Satz behandelt. Da sind die verwischten Triller im ersten vergessen. Bewegend ist das Adagio, in dem er sich in inneres Erleben hineinspielt. Stadtfelds Spiel führt in einer Steigerung von Empfinden und Finesse bis zum Larghetto des Konzerts Nr. 4 A-Dur: eine Miniatur, in deren Linien ein Hauch von Stocken liegt, eine Andeutung feiner Brüche. Weniger überzeugend die schnelleren Sätze, in denen Stadtfeld gelegentlich Balance in der linken Hand vermissen lässt, sowie Varianz im Anschlag.

Zwischen den Bach-Konzerten spielt das Orchester: die Hamburger Sinfonie von Carl Philipp Emanuel Bach, eine spritzige Angelegenheit, klar und durchdacht, und die Sinfonie Nr. 9 für Streicher von Mendelssohn-Bartholdy, die sich durch effektvolle Dynamik, vibrierende Linien und ein Streben nach dem größtmöglichen Ton auszeichnet. Man denkt beim Zuhören an das Feuer und die Effektivität des „großen“ Orchesters.

Als Zugabe spielen Nasturica-Herschcovici und Stadtfeld das Ave Maria von Bach/Gounod; die Geige singt ein feuriges Gebet, der Flügel begleitet.

Quelle: wa.de

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