Martin Schulze inszeniert Schillers „Maria Stuart“ in Münster stark abstrahiert

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Die Herrscherin hat alles im Griff: Szene aus Schillers Drama „Maria Stuart“ in Münster mit Claudia Hübschmann als Elisabeth und Florian Steffens als Leicester.

Von Anke Schwarze MÜNSTER -  Auf der Bühne steht nichts. Grau gekleidete Männer huschen zwischen schwarzen Säulen vor einem schwarzen Hintergrund hin und her. Es gibt zwei Farben: Die goldglänzende Staatsrobe von Elisabeth Tudor und das blutrote Samtkleid, in dem Maria Stuart ihrer Hinrichtung entgegen schreitet. Und es gibt nur wenige Requisiten: eine Pistole für Mortimers Selbstmord, einen Kugelschreiber, eine Dokumentenmappe. Sie warten darauf, dass Elisabeth das Todesurteil der Stuart unterschreibt.

Martin Schulze inszeniert am Theater Münster eine abstrakte, schlüssig zugespitzte Version von „Maria Stuart“. Er dampft Schillers Drama ein und streicht die Nebenrollen. Wo deren Text unverzichtbar ist, setzt Schulze einen Bühnenchor ein. Sein Fokus liegt auf acht Figuren, auf dem Kontrast zweier herausragender Frauengestalten und auf dem Ränkespiel am Hof, das Maria retten soll, aber ihren Tod besiegelt.

Die Konstellation der Figuren folgt einer strengen Geometrie. Wie Schachfiguren bewegen sie sich in abgemessenen Bahnen, kreuzen und überschneiden sich, interagieren aber nur selten wirklich miteinander. Es ist ein isolierendes Treiben dort am Hof. Leicester bleibt in seinem Doppelspiel, Burleigh in seinem Ehrgeiz und Mortimer in seiner triebhaften Schwärmerei gefangen.

Im Widerstreit der Königinnen wetteifern Gefühl und Staatsräson. Elisabeth ist beherrscht und beherrschend. Ihre Hände liegen meist gefaltet vor ihrem Unterleib, auf dem vorspringenden Gestell ihres Reifrocks, einer stilisierten Variante der Renaissancekleidung, mit engem Mieder und steifem Halskragen (Bühnenbild und Kostüme: Ulrich Leitner). Wenn Elisabeth gestikuliert, fordert sie Unterwerfung – wenn sie Shrewsbury mütterlich die Hand auf die Stirn legt oder Mortimer an die Kehle greift. Im Dialog mit Leicester lässt Elisabeth den Rock fallen und während ihres großen Monologs die Perücke. Trotzdem bleibt sie im hoheitsvollen Gehabe ihrer Staatsrolle gefangen, gewährt keinen Blick auf den Menschen hinter dem maskenhaft weiß geschminktem Gesicht.

Die Maria lässt Schulze anfangs wie erstarrt agieren. Wenn sie ihre Ohnmacht nicht mehr aushalten kann, schreit sie. Ein dunkelblaues Mäntelchen hebt sie, die gefangene Königin, kaum aus der Masse des männlichen Bühnenchors heraus. Ohnehin kann sie sich weder gegen ihren Feind Burleigh noch gegen ihren Verehrer Mortimer behaupten: Selbst diesem muss sie sich in einer Vergewaltigung unterwerfen. Erst in den letzten Augenblicken ihres Lebens, als sie Burleigh wie Leicester in kühlen Sätzen abblitzen lässt, dominiert Maria in herrscherlichem Rot. Schiller gewährt ihr in diesem Moment eine geistige, sakrale Freiheit. Schulze drosselt den religiösen Aspekt. Die letzte Beichte wird zum Hirngespinst: Statt des – herausgekürzten – Haushofmeisters Melville nimmt Mortimers Geist das Sündenbekenntnis ab. Der Tod ist keine Erlösung, sondern qualvoll: So beschreibt es das Phantom der hingerichteten Königin mit Worten aus Stefan Zweigs Biografie „Maria Stuart“.

Die ungegenständliche Inszenierung verlangt den Schauspielern viel ab. Dass nicht alle der Herausforderung gerecht werden, mindert die Vorzüge der Aufführung. Eine großartige Präsenz zeigt Claudia Hübschmann als Elisabeth. Jeder Zoll eine Königin, so beansprucht sie den Bühnenraum für sich. Ihr Monolog erzwingt Aufmerksamkeit, ihr Gesicht spiegelt jede noch so kleine Regung, vom selbstgefälligen Lippenkräuseln bis zu den lauernden Augenwinkeln. Dagegen findet Maike Jüttendonk, die Maria, nicht wirklich in Schillers Sprache. Bisweilen hastet sie durch den Text, als wolle sie ihn so schnell wie möglich hinter sich bringen. Das scheint nicht allein den Unsicherheiten ihrer Figur geschuldet. Auch Emotionalität kennt Nuancen.

Florian Steffens als Leicester laviert überzeugend zwischen seiner halbgaren Liebe für Maria, seinen listigen Schmeicheleien gegenüber Elisabeth und dem stoischem Ausdruck des am Ende Gebrochenen. Maximilian Scheidt (Mortimer) und Mark Oliver Bögel (Burleigh) schwärmen und intrigieren in etwas einförmigen Gesten. Eindrucksvoll demonstriert Gerhard Mohr, welche Figur ihre Handlungsfreiheit behält: Der integre Shrewsbury hat das letzte Wort, mit dem er Elisabeth ihrer Alleinherrschaft überlässt.

22.11.; 10.,19.12.; 8.,23.,30.1.; 6.,8.,15.,21.2.;

Tel. 0251/ 59 09 100

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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