Martin Laberenz‘ Inszenierung „Naked Lenz“

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Sie wollen nur schneiden, die Chirurgen: Szene aus der Inszenierung „Naked Lenz“ nach Büchner und Cronenberg am Schauspiel Dortmund. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Nackt planschen sie im Plastikwassercontainer. Nackt liegen sie danach auf Handtüchern, fläzen sich im Klappstuhl und sagen: „Gut, wenn der Wind so um die Klöten pfeift!“ Und die Zuschauer im Studio des Schauspiels Dortmund stehen unmittelbar daneben, werden einbezogen in das Totaltheater des Martin Laberenz. Geschieht das hier alles wirklich? Oder leiden wir an einem Tumor im Kopf, der Halluzinationen auslöst? Angesichts des Treibens in der Inszenierung „Naked Lenz“ könnte man zur zweiten These neigen.

Hier fühlt der Zuschauer sich nie sicher, weil die Schauspieler neben, hinter ihm auf einmal zu spielen beginnen. Um gute Sicht zu haben, muss man die Position wechseln. Darum gibt es auch keine Sitzplätze. Im Studio stehen Birkenstämme, eine Bar, ein enger Container mit einer Glastür. Gespielt wird ein Zusammenschnitt aus Georg Büchners Erzählung „Lenz“ und David Cronenbergs Film „Naked Lunch“. Man findet viele Handlungselemente aus beiden Werken in der Inszenierung, mal geht es um den unglücklichen Schriftsteller der Goethezeit, dann um Momente aus dem Drogen-Leben des Beat-Poeten William S. Burroughs, der die Romanvorlage zu Cronenbergs Film schuf. Hinzu kommen weitere Elemente, Anspielungen auf Büchners Biografie, der mit dem Schreiben sein Medizinstudium finanzieren wollte, zum Beispiel. Aber das alles ist in dieser Szenenfolge nicht stringent erzählt, sondern wird in einzelne Momente aufgelöst. Da suchen dann zwei schräge Geheimagenten (Sebastian Kuschmann im pinken Rock, Bettina Lieder im silbernen Glitzeranzug) nach einem gewissen „Dschordsch Bi“, dessen Texte Hirntumoren und Halluzinationen auslösen.

Laberenz hat in der letzten Spielzeit in Dortmund Takashi Miikes Film „Visitor Q“ adaptiert mit einem ganz ähnlichen Konzept, einschließlich des Klassikers, in dem Fall Molières „Tartuffe“. Die Produktion provozierte, weil eine Pornofilm-Sequenz eingearbeitet war (sie wurde erst ab 18 Jahren freigegeben). Und sie fand Anerkennung, wurde zum NRW-Theatertreffen eingeladen. „Naked Lenz“ setzt das fort, mit dem gleichen Ensemble und sogar mit Anspielungen im Text.

Diesmal sind die Live-Video-Passagen von Daniel Hengst nicht ganz so dominant, obwohl die Nahaufnahmen auf Eva Verena Müllers Mund sich der Alien-Ästhetik aus Cronenbergs Film annähern. Dafür gibt es andere frei assoziierte Einfälle wie eine Operation im Container, bei der viel Tomatensaft spritzt, ein Eisessen, bei dem die Bestellung eines „Flutschefingers“ sexuelle Untertöne bekommt, und das charmante Solo von Uwe Schmieder, der nackt verschiedene Blumen von der Nelke bis zum Kaktus verkörpert.

Diesem Spiel ist nicht immer so leicht zu folgen, schon weil es sich ständig verlagert, räumlich, aber auch gedanklich. Aber Laberenz erzeugt erneut das angenehme Hirnflimmern beim Zuschauer, die Verunsicherung vor dem nackten Wahnsinn, wo hier die Wirklichkeit endet und das Spiel beginnt. Das Ensemble wirft sich mit vollem Einsatz in 90 Minuten Verunsicherung. Und wenn sie zwischendurch im kleinen Plastikbecken zu schrillen Megaphon-Kommandos die Hüften beugen zum Synchronschwimmen, dann zuckt der eine oder andere Zuschauer mit.

11.12., 8.1.,

Tel. 0231/5027222,

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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