Martin Kusej inszeniert Labiches „Ich Ich Ich“ bei den Ruhrfestspielen

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Männer zwischen Geschäft und Hysterie: Szene aus „Ich Ich Ich“ bei den Ruhrfestspielen mit Oliver Nägele (De la Porcheraie), Markus Hering (Dutrécy) und Johannes Zirner (Armand, von links).

Von Ralf Stiftel RECKLINGHAUSEN - Dieser Dutrécy steht dauernd unter Strom. Geld hat der Pariser Rentier genug. Aber der Mittfünfziger ist unverheiratet, Hobbys hat er auch nicht, und so bleibt ihm viel Zeit, sich um das Wichtigste zu kümmern: sich selbst. Das beginnt mit der Duschkur am Morgen, nach der ihn Diener Aubin mächtig abrubbeln muss. Es geht weiter mit gutem Essen und gutem Wein, immer in Gesellschaft, weil das gesünder ist. Und es mündet in Bemühungen, das viele Geld weiter zu vermehren. Genug hat man nie.

Der Held in Eugène Labiches 1864 uraufgeführte Komödie „Ich Ich Ich“ steht für eine erste Blüte des Kapitalismus. Vielleicht hat sie der Gegenwart auch etwas zu sagen. Darum wohl steht sie als erste Premiere am Anfang der Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Martin Kusej, Intendant des Münchner Residenztheaters, inszeniert die Koproduktion. Leider macht er nicht deutlich, wo die Relevanz in Labiches Stück liegt.

Stattdessen abstrahiert er. Annette Murschetz lässt die Bühne leer bis auf einen halbrunden weißen Vorhang, durch den die Akteure auf- und abtreten. Im zweiten Akt wird der Vorhang gegen Spiegelwände ausgetauscht, klar, die Egoisten blicken vor allem auf sich.

Ansonsten entfaltet sich hier in knapp zweieinhalb Stunden (mit Pause) das Repertoire des bourgeoisen Lachtheaters. Zum einen wollen Dutrécy und sein Geschäftsfreund De la Porcheraie den Doktor Fourcinier bei einem Grundstückshandel übervorteilen. Sie wissen, dass an der Stelle ein Boulevard geplant ist, was den Wert des Landes in die Höhe treiben wird. Außerdem stellen sich Dutrécys Nichte und Neffe ein. Sie soll verheiratet werden mit dem Bankierssohn Armand, was ihr durchaus gefällt. Aber der alte Hagestolz verliebt sich in sie und möchte sie für sich. Und auch der Neffe begehrt die schöne Thérèse. Da wird hin und her intrigiert, bis am Ende zwei junge Paare stehen und ein Egoist, dessen Pläne scheitern.

Das spult in Kusejs gemächlicher Inszenierung allzu erwartbar ab. Er gönnt sich einige sexuelle Anspielungen zum Beispiel, wenn der Diener Dutrécy nach dem Bad abrubbelt oder wenn Dutrécy vor der Begegnung mit Thérèse die „blauen Pillen“ erst auf dem Boden verstreut und dann alle schluckt. Ähnliches hat man durchaus schon einmal auf der Bühne erblickt, und so zünden solche Witzchen kaum.

Dass da mehr drin wäre, deuten die exzellenten Darsteller durchaus an. Martin Hering als Dutrécy wuselt geschäftig, getrieben, wie aufgezogen über die Bühne. Ihm gelingt es, den Alltag des Kapitalisten zwischen Mittagessen, Vertragsunterzeichnung und Verlobungstreffen hektisch wirken zu lassen, und er geriert sich zwischen den selbst gesetzten Pflichten wie der Erfinder des Multi-Tasking. Oliver Nägele gibt de la Porcheraie eine feine Abgründigkeit, wenn der Mann darum bangt, dass seine eigentlich von ihm getrennt lebende Gattin zurückkehrt. „Ich fürchte um meine erotische Fotosammlung“, sagt er – und lässt die ganze Entfremdung von einem mitklingen, der seine Erotik eben allein auslebt. Und Nora Buzalka spielt die Freiheitsliebe von Thérèse mit fast pathologischer Ich-Spaltung: Vor dem Onkel in backfischhafter Aufgeregtheit, und in manchen Momenten, als würde ein Schalter umgelegt, in kühler Nüchternheit. Auch sonst spielt das Ensemble auf hohem Niveau. Aber die Geschichte bleibt ganz im 19. Jahrhundert, nett anzuschauen, mehr nicht.

Wie man solche Stoffe aufrauen kann, das hat zum Beispiel Hermann Schmidt-Rahmer am Schauspielhaus Bochum mit Balzacs „Gespenster des Kapitals“ gezeigt, wo das Geld plötzlich menschliche Gestalt annehmen kann. Oder der Regisseur Herbert Fritsch, der ebenfalls eine Vorliebe für die bürgerlichen französischen Komödien hat. In Recklinghausen aber begnügt man sich damit, eine Komödie mit Potenzial geradezu museal aussehen zu lassen, trotz aller schicken Optik. Für ein Festival, das immer noch gesellschaftliche Reflexion bieten will, ist das zu wenig.

5., 6., 7.5., Tel. 02361/ 92 180,

www.ruhrfestspiele.de; ab 21.5. am Residenztheater München

Quelle: wa.de

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