Martin Kippenbergers Plakate in Essen

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Mit diesem Plakat machte sich Martin Kippenberger 1978 in Berlin bekannt, seinem neuen Wohnort.

Von Achim Lettmann -  ESSEN - Martin Kippenberger (1953–1997) zählt zu den auffälligsten Künstlern der 1980/90er Jahre. Seine Skulptur mit einem Frosch am Kreuz in Christuspose (von 1990) ist noch heute vielerorts ein Grund, über Kunstfreiheit zu debattieren. Seine Provokationen und Grenzgänge waren Programm.

Das Museum Folkwang in Essen zeigt nun die Plakate Kippenbergers, die weniger bekannt sind und die der Künstler zu eigenen Veranstaltungen in limitierter Auflage entwarf. Kippenberger, der in Dortmund geboren wurde und in Essen aufwuchs, machte mit Plakaten auch einfach etwas zu seiner Person publik. Es gibt insgesamt 178 Arbeiten.

Das Museum Folkwang hat mit Hilfe der Eugen und Agnes von Waldthausen-Platzhoff-Museums-Stiftung 107 Plakate angekauft. Es handelt sich um drei Mappenwerke und einzelne Arbeiten. Sie zählen seit 2013 zum Bestand des Museums. Dieses große Konvolut (1978–1997) erweitert erheblich die wenigen Plakatbeispiele Kippenbergers, die das Deutsche Plakatmuseum als Teil des Hauses bisher vorhielt.

Da die erste Museumsausstellung von Martin Kippenberger 1984 im Essener Museum Folkwang stattfand, knüpft René Grohnert, Leiter des Deutschen Plakatmuseums, nun an diese frühe Zeit an. Damals, berichtet Grohnert, hätte es Stimmen gegeben, die den Kurator der Ausstellung, Zdenek Felix, aufforderten, seinen Job aufzugeben. Martin Kippenberger sei mit Nudeln auf dem Kopf zur Vernissage erschienen, sagte Grohnert, und habe einen Handstand auf einem Klo gemacht. Das Plakat zur Ausstellung von 1984 ist kein Fotodokument, sondern zeigt die Künstler Kippenberger, Büttner und Oehlen („Wahrheit ist Arbeit“) seinerzeit noch Hand in Hand mit Schlips und Jackett.

Diese Arbeit gehört zu den über 100 Plakaten, die in der Ausstellung „Du kommst auch noch in Mode“ im Museum Folkwang zu sehen sind. Die Plakate unterstreichen Kippenbergers Motiv, im öffentlichen Raum zu konfrontieren. Als er 1978 nach Berlin umzog, ließ er 1000 Plakate drucken, die er im Stadtteil seiner neuen Heimat verteilte. Mit Begriffen wie „Angeber“, „Schonlangemaler“ und „Oberspanner“ stellte er sich mit freundlichen Konterfei vor.

Das Gros der Plakate zeigt vor allem, dass Kippenberger Text und Bild nicht aufeinander abstimmte. Das Plakat „9 Gründe, die Preise zu erhöhen“ zeigt ihn mit Albert Oehlen in Unterhosen vor einem Schiffswrack. Anlass ist ein gemeinsamer Vortrag in der Fachhochschule in Köln 1987. Zu einer seiner Ausstellungen in der Galerie Hetzler, Köln, plakatierte er eine Fotografie mit aufgereihten Flaschen. Der Aufdruck „VIT 89“ erinnert an eine damals gängige Whisky-Marke aus Schottland, „VAT 69“. Vielleicht sein Lieblingsstoff? Oder ein Verweis auf zuviel Alkoholwerbung?

Die Explosion der US-Raumfähre Challenger (Januar 1986) nutzte er als Hintergrundbild für sein Ausstellungsplakat im Landesmuseum Darmstadt (Juni–August 1986): „Miete, Strom, Gas“. Solche Provokationen zu Alltagsthemen berühren immer auch Bewertungen und Standpunkte, die in der Gesellschaft von politischen und wirtschaftlichen Eliten gelenkt werden. Kippenberger attackierte aber nicht aus sicherer Distanz, sondern sorgte für Aktionen. Als er als Mitbegründer (1979) des Musikclubs S.O.36, Oranienstr., in Berlin, die Bierpreise anhob, wurde er von seiner „Kundschaft“ verdroschen. Kippenberger akzeptierte Reaktionen auf seine Provokationen. Er zeigte und machte spürbar, was Mensch, Kunst und System ausmachen.

Bis 18.1.2015; di-so 10 – 18, fr bis 22 Uhr;

Tel. 0201/8845 444;

www.museum-folkwang.de

Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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