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Martin Assig stellt im Museum Küppersmühle in Duisburg aus: „Weil ich Mensch bin“

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Von: Achim Lettmann

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In Grün leuchtet Martin Assigs Bild „Magdalena Schwester“ (2002, Enkaustik, Tempera auf Holz)
In Grün leuchtet Martin Assigs Bild „Magdalena Schwester“ (2002, Enkaustik, Tempera auf Holz), zu sehen im Museum Küppersmühle in Duisburg. © Gunter Lepkowski/Martin Assig und VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Martin Assig ist keinem Kunststil zuzuordnen. Der Künstler, geboren in Schwelm, bebildert seine Gedanken und stößt die Deutung seiner Bilder mit Textzugaben an. Zu sehen in der Küppersmühle Duisburg.

Duisburg – Martin Assig ist ein Einzelgänger in der Kunst. Er lässt sich nicht zuordnen: abstrakt, figurativ, malerisch, zeichenhaft, haptisch, konzentriert, monumental, dreidimensional. Sein Werk stimmt all das an und mehr. „Weil ich Mensch bin“ nennt er seine Ausstellung in Duisburg, die 520 Werke umfasst. Der Künstler aus Schwelm lebt in Berlin. Im Museum Küppersmühle für Moderne Kunst (MKM) ist die bisher größte Ausstellung des 63-Jährigen zu sehen. Es ist die Chance, einen Mann kennenzulernen, der sich in Duisburg beglückt zeigte, seine Kunst in großen Räumen und zehn Kapiteln präsentieren zu können. Assig hat international einen Namen. Angesichts der Tusch- und Kohlezeichnungen, der Bilder mit Ölkreiden, Temperafarben, Pigmenten, Wachs, sowie der Objekte und einer Skulptur beeindruckt ihn seine Schau ein Stück weit selbst. „Es ist meine unglaubliche Bilderliebe, alles auszudrücken“, sagte Martin Assig im MKM und meinte das Prozesshafte seiner Arbeit, „Mensch sein, Gefühle verbildern.“ Es ist sein Wohlfühlzustand.

Es gibt kein Hauptwerk zu sehen, keine hervorgehobene Schaffensphase. Die kleinen Tuschen mit gestrichelten Figuren sind Grundlage eines individuellen freien Kunstschaffens. Assig nutzt die Zeichenfläche, seine Denkströme sichtbar zu machen. „St. Paul“ ist die umfangreichste Serie (2009–2019) in Duisburg. Auf einem Blatt steht „Du sagst es“. Ein Satz, der unter Ornamenten und Symbolen steht, die symmetrisch geordnet sind. Der Spielraum zwischen Schrift und Bild stößt Gedanken an, die Assig aber nicht lenken will. In der Tradition von Andachtsbildern öffnet der Künstler solche Reflexionsbereiche. „In diesen Häusern wohne ich“, steht auf schwarzem Grund, daneben sind vielfarbige Vierecke auf dem Blatt verdichtet – keine Rechtecke, keine Quadrate. Wie man selbst wohnt, ist eine Frage von vielen, die man sich nun stellen kann. Zur Serie zählen 1300 kleinformtige Bilder. In Duisburg sind 192 zu sehen, die anderen hat Assig an Sammler, Galerien und Museen veräußert.

Der Künstler schätzt den Gesamteindruck. 113 Objekte der Installation „Vorrat (Behälter)“ (1992) wirken vielteilig und geheimnisvoll zugleich. Die Schachteln sind mit Stoff bezogen. Figürliche Gebilde auf einer gewachsten Hülle sind subversive Anspielungen auf einen möglichen Inhalt der tabernakelartigen Behälter. Gegenüber sind die großen Formate „W.“ und „W. (Zeit)“ zu sehen – beide von 1990. Die körperhaften Bilder sind auf Plänen der KZs Auschwitz und Bergen-Belsen entstanden. Baumwollstreifen bilden Schienen und Wege nach. Wachs versiegelt die Oberfläche, als ob sich Holocaust und Kriegsverbrechen verwahren lassen. Im Raum „Vorrat.Welt“ werden mit künstlerischen Strategien Gedanken bewegt und erinnerte Ereignisse beherbergt. Ein eindrückliches Kapitel.

Ein besonderes Merkmal für Assigs Kunst ist die Enkaustik-Technik, die er bereits als Student in Berlin kennenlernte. In Duisburg machte er kein Geheimnis daraus: Wachs in einem Kochtopf erwärmen, Pigment und Pulverfarben hinein, und die Masse auftragen. Das war’s. Assig spricht von einer Egalisierung des Farbmaterials und meint den Farbton, der mit Wachs ausgewogen erscheint. Damit wird Assigs Motivik aber nicht blass und langweilig. Ein haptisches Phänomen ist beispielsweise das große Bild „Madgalena Schwester“ (2002, Enkaustik, Tempera auf Holz) mit strahlenden Grüntönen und orangenen Sternen. Kleider sind für Assig einfach Körperbehälter, die er auch ohne Modell malt. Dagegen ist das Bild „Magdalena Schwester“ einer Frauendarstellung nah. Das unscharfe Figurenprofil meint keine Person, aber Assig denkt an biblische Figuren. Oberkörper, Kopf und Haare sind eine erotische Chiffre. Liebe an sich bleibt assoziativ. Die Bildfläche in Enkaustik-Technik ist von Schlieren durchzogen, die porige Vertiefungen haben und dem Bild eine vertikale Bewegung geben. Unstet und fließend wirkt das, auch einfühlsam.

Für Assig ist Jasper Johns der größte Enkaustiker. Der US-Amerikaner, 1930 geboren, machte Flaggen, Zielscheiben und Zahlen schon vor der Pop-Art zur Kunst. Seine Maltechnik erhebt das Alltägliche zum Besonderen.

Assig ist thematisch vielfältiger. Sein Zyklus „Schmerz“ (2004–2019) basiert auf Krankheitserfahrungen. Er konnte zwei Jahre lang nicht laufen. Seine große Farbpalette sei für ihn wie ein Griff in die Pralinenschachtel gewesen, sagte er in Duisburg. In der Enkaustikarbeit „Lust“ schießen weiße Strahlensterne ins dominierende Rot, das an Fleisch und Blut denken lässt. Assig hatte sich mit Goyas Druckgrafiken beschäftigt, die das Leid von Kriegsopfern drastisch darstellten („Desastres de la Guerra“ 1810–1814) und um Texte erweiterten.

Wie selbstverständlich Martin Assig seine Gedanken und Gefühle zu einer individuellen Ästhetik verwandelt, demonstriert die „Kathedrale“ (1989). Eine hinreißende Skulptur. Der feine Draht ist leicht und spielerisch zur plastischen Kirchenform gedreht. Aus Draht geschrieben, ist „essen und essen, stolpern und fallen“ zu lesen. Das Kreuz hängt verkehrt in der Kuppel. Ironie und Spott zählen auch zu Assigs Repertoire oder „weil ich Mensch bin“.

Bis 5.3. 2023; mi 14 – 18 Uhr, do – so 11 – 18 Uhr; Tel. 0203/301 948 11; Katalog, Verlag Schirmer-Mosel, 38 Euro; www.museum-

kueppersmuehle.de

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