Martha Argerich im Konzerthaus Dortmund

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Martha Argerich und Lilya Zilberstein spielen Ravel in Dortmund. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Zwei Urgewalten in Übereinstimmung: Selten erlebt man das in der Form wie jetzt im Dortmunder Konzerthaus, wo im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr zwei große Damen am Flügel zu Gast waren: Martha Argerich und Lilya Zilberstein zelebrierten das Klavierspiel an zwei Instrumenten als Kunst der koordinierten Explosion.

Argerich, die in diesem Jahr 70 geworden ist, meidet seit langem Soloauftritte, sie konzentriert sich auf den Drahtseilakt des intimen musikalischen Dialogs vor Publikum. Ihrem scharf konturierendem Spiel begegnet Zilberstein mit einem weicher, abgerundeter wirkenden Musizieren, was allerdings täuschen kann: Sie explodiert mit einer tieferen Frequenz.

Das anspruchsvolle Programm für zwei Klaviere – von Brahms bis Bartók – wird zur Erkundung von Gefühl in seiner absoluten Form. Hier ist nichts zu hören von Sentimentalität. Die Haydn-Variationen werden beinahe physisch greifbar: Klangbrocken rollen, Klüfte tun sich auf. Der Auftakt hat eine Klangschichtung so weich wie ein Flokati. Argerich und Zilberstein erzeugen beeindruckende Orgelklangflächen, um im Untergrund nach Dissonanzen und Quergedanken zu suchen. Dennoch ist ihr Spiel nicht analytisch, sondern risikofreudig. Argerich schärft die Variation zu, und als wäre nichts gewesen schließt Zilberstein verhalten-wahnwitzige Läufe an. Liszts Concerto pathétique für zwei Klaviere ist eben das: pathetisch, theatralisch aufgeladen. Argerich und Zilberstein bauen eine große Gefühlsoper auf, um deren Bestandteile aufeinander prallen zu lassen.

Beide nehmen nebeneinander Platz für Ravels Märchenstücke „Ma mère l‘oye“ nach Charles Perrault. Aus den zaubrisch-raffinierten Stimmungsbildern werden ausgeleuchtete Charakterstücke – Argerich spitzt die „Belle au bois dormant“ mit hart zwitschernden Trillern zu –, daraus entsteht am Ende ein Abgesang auf die Dekadenz dieser luxuriösen, märchenhaften Stücke: die orientalisch aufgerüschte Flinkheit der „Laideronette“ entwickelt sich vom Skurrilen zum Grellen, als verschiebe sich die Außenschau auf die fremde Gestalt nach Innen, in die solchermaßen zur Schau gestellte Figur hinein. „Les entretiens de la Belle et de la Bête“ ist ein müder, ach so müder Walzer, der „Feengarten“ hebt sehnsüchtig an, um von Argerich und Zilberstein grell ausgeleuchtet und als Fiktion gezeichnet zu werden.

Für die Bartók-Sonate für zwei Klaviere und Schlagwerk finden sich die beiden Pianistinnen mit den Schlagwerkern Thomas Meixner und Dirk Rothbrust zu einer Einheit zusammen und entwickeln ein so rasendes Tempo, dass die beiden Umblätterer mehrfach aus dem Konzept geraten. Archaische Urgewalt und maschinenhafte Rhythmik dominieren; ein Stück des Umbruchs und der hereinbrechenden Moderne.

Quelle: wa.de

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