„Marlenes Bilder“ über den KZ-Häftling und Juden Heinz-Dietrich Feldheim

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Hans-Jürgen Zacher und „Marlenes Bilder“: Er hat den Nachlass von Heinz-Dietrich Feldheim ausgewertet.

Werl - „Wie haben Sie das ganze Elend überlebt, und wie können Sie heute dort leben?“ Die Frau, die Heinz Dietrich Feldheim (1908–1997) diese Fragen schrieb, wusste vielleicht gar nicht, welche Bedeutung sie für ihn besaß. Dass sie ihm geholfen hatte, drei Jahre KZ-Haft in Dachau und Buchenwald zu überstehen, von Juni 1936 bis April 1939, 14 Monate davon in Isolation im Dunkelbunker. Feldheim war wegen „Verdacht der Vorbereitung des Hochverrats“ verhaftet worden und schwebte als Jude in besonderer Gefahr. Wenn er sich ausmalte, eines Tages doch noch frei zu kommen, wollte er „einmal Marlene sehen“, Marlene Dietrich.

Vielleicht begann es als Schwärmerei. Als 22-jähriger Student könnte der in Dortmund geborene und in Werl aufgewachsene Feldheim die Dietrich in dem Film „Der Blaue Engel“ gesehen haben, mutmaßt Hans-Jürgen Zacher. Der pensionierte Lehrer, der die Geschichte der Werler Synagogengemeinde erforscht hat, stand seit Anfang der 1990er Jahre in Kontakt mit Feldheim. Er hat jetzt ein Buch über ihn geschrieben: „Marlenes Bilder. Das Vermächtnis eines Häftlings“.

In London hatte Feldheim 1954 eines ihrer Konzerte besucht und Rosen auf die Bühne gelegt, doch sie hatte ihn nicht bemerkt. Als er ihr dann in einem Brief sein Schicksal schilderte, antwortete sie, unter anderem mit den Zeilen auf der Rückseite eines Autogrammfotos. Drei solcher Karten schickte sie ihm in den 1950er Jahren.

Feldheim habe die drei Aufnahmen, hinter Glas gerahmt, in einer Herrenhandtasche stets bei sich getragen. Auch 1993 bei einem Treffen in Werl, erzählt Zacher. Er erbte sie nach Feldheims Tod, zusammen mit KZ-Unterlagen und vielen Fotos. Dieses Material und Archivrecherchen hat er zu dem Band verarbeitet. Das Autograph der Dietrich auf der Rückseite eines der Fotos entdeckte er erst vor wenigen Wochen, als er die Drucklegung vorbereitete.

Feldheim stammte aus einer wohlhabenden Familie. Man musizierte im Musikverein Werl, der Vater und seine beiden Schwestern betrieben an der Steinerstraße ein Manufaktur- und Modegeschäft, die Kunden kamen auch aus Hamm, Unna oder Welver. Feldheim studierte in München Mathematik und Volkswirtschaft, wurde promoviert, fand als Jude keine Stelle und kam 1936 nach Werl zurück. Im Café Göbel verhafteten ihn zwei Gestapomänner wegen seiner Kontakte zu Münchner Widerstandskreisen. Nach der Entlassung aus Buchenwald emigrierte er 1939 nach England, trat der British Army bei, arbeitete nach dem Krieg als Mathematikdozent und kehrte 1966 nach Deutschland zurück. Er lebte bis zu seinem Tod in München.

Fotos zeigen einen stillen, stets freundlich lächelnden Mann: 1941 in britischer Uniform mit seiner Schwester, die ebenfalls in England lebte, in den 1960ern als Bergwanderer in den Alpen, in den 1980ern einen weißhaarigen Herrn. In den Briefen, aus denen Zacher zitiert, klingen Einsamkeit und verwehrten Lebenschancen an, die Feldheim auch nach der Rückkehr aus dem Exil nicht mehr aufholen konnte. Ein Schicksal, das Parallelen aufweist zur Figur des Richard Kornitzer in Ursula Krechels Roman „Landgericht“ (2012). „Ich bin ledig, weil ich mir während der Jahre der Verfolgung finanziell keine Eheschließung erlauben konnte. (...) Erst mit 50 Jahren konnte ich finanziell sorglos leben“, schreibt Feldheim. Oder: „Ich kann nur mit deutschen Menschen ohne seelische Hemmungen reden, von denen ich weiß, dass sie von 1933 bis 1945 bewusste Nazigegner waren.“ Oder: „Ich bin ein Fremdling in der Umwelt geworden.“

Das, vermutet Zacher, bestärkte Feldheims Verbundenheit mit Marlene Dietrich. Sie schlug Goebbels’ Angebote aus, statt in Hollywood im „Dritten Reich“ Karriere zu machen, nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an, reiste zur Truppenbetreuung nach Afrika und Europa und blieb zeitlebens auf Distanz zu Deutschland.

Hans-Jürgen Zacher: Marlenes Bilder. Das Vermächtnis eines Häftlings. Bonifatius Verlag, Paderborn 2018, 135 S., 16,90 Euro

Buchvorstellung und Lesung heute im Forum der Ursulinenschulen, Werl, 19 Uhr

Quelle: wa.de

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