Markus Kopf inszeniert „König Lear“ in Münster

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Aus den Fugen: Szene aus „König Lear“ mit Carolin M. Wirth, Bernhard Glose und Wolf-Dieter Kabler. ▪

Von Edda Breski ▪ MÜNSTER–Die Machtfrage stellt sich beiläufig: „Erzählt mal, Kinder, wer liebt mich denn am meisten?” fragt König Lear (Wolf-Dieter Kabler) und stolziert auf dem roten Teppich auf und ab, in Erwartung der heftigsten Schmeicheleien. Das kann nicht gut enden, bei all den Riesenegos, die im Raum stehen. Das Große Haus in Münster zeigt Shakespeares Stück um Machtwahn und Liebe. Markus Kopf versucht, ihm mit Mitteln der Farce und der politischen Anspielung beizukommen, und zunächst gelingt das auch.

Lear ist ein eitler Fatzke, ein Landesvater, der auf die dümmlichste Anbetungsnummer hineinfällt. Er kommt mit einem Farbeimer, wie ein Anstreicher – Achtung, heftige politische Analogie – und malt die Drittel des Reiches auf, die er seinen Töchtern geben will. Goneril (Kathrin-Marén Enders) stellt sich im Glamourdress wie Evita auf den roten Teppich vor das Mikrophon und beteuert mit tragisch gerunzelter Stirn ihre Kindesliebe. Regan (Judith Patzelt) versucht Daddy durch feurige Küsse herumzukriegen. Nur Cordelia (Julia Stefanie Möller) ist eine zwar wohlmeinende, aber rotzige Göre, zu erkennen an Bikerjacke und gekrepptem Haar. Weil sie sich weigert, dem Vater um den Bart zu gehen, wird sie verstoßen. Das Unheil nimmt seinen Lauf. In der Schmeichelszene wird gefilmt, jeder ist unter Beobachtung – die Überwachungsstaat-Anspielung wird aber nicht fortgeführt.

Manfred Kaderk (Bühne und Kostüme) hat eine Mauer aus weißen Pappkästen gebaut, die den eigentlichen Bühnenraum absperrt. Sie stürzt ein, als Lear erkannt hat, was hinter den Beteuerungen seiner beiden Ältesten steckt. Da ist die Welt gründlich aus den Fugen, und zwischen den Resten irrt der König herum, dem nur der Narr (Carolin M. Wirth) geblieben ist. Ein schönes Bild: Der Narr wirft die Kisten herum, als tummele er sich in einem gigantischen Spieleparadies.

Temporeich wechseln die Szenen, das Stück nimmt Fahrt auf. Intrigen und Mord, der Wahnsinn Lears, die Verstümmelung Glosters und die Wiederbegegnung mit dem verstoßenen Edgar – das folgt zügig aufeinander, damit wirkt das Stück aber wie eine Abfolge von Fiesheiten. Einen Moment der Stille schafft Kopf mit dem Treffen Lears und Cordelias. Sie finden sich im Schnee, der von der Decke rieselt, Zeichen für den Winter des Missvergnügens, der nun im Lande herrscht. Lear ist nun alt, schwach und irr geworden, welche Hilfe wäre man ihm schuldig? Auch ein Ansatz, den Markus Kopf zeigt, aber nicht entwickelt. Am Ende liegen sie alle tot da. Der Schockeffekt funktioniert nicht ganz, als Kent mit dem Satz „Alles trostlos” herauskommt, gibt's unfreiwillig Lacher.

Rotzig ist man im alten England. „Kann Kent 'ne Memme sein”, fragt Johannes Paul Kindler, der den treuen Gefolgsmann Lears spielt, seinen Uniformrock wendet und fortan verstrubbelt durch die Szenerie läuft, im hilflosen Versuch zu helfen. Markus Kopf bricht Shakespeares Text mit aktuellen Redewendungen auf und lockert die Handlung auch sonst, etwa indem er den Intriganten Edmund (Tim Mackenbrock) als eine Art finsterer Komiker auftreten lässt. Das wäre etwas effektiver, wenn nicht generell der Text herausgebrüllt würde, dass er oft nicht mehr zu verstehen ist.

Das Ensemble zeigt viel Engagement und Spielfreude. Kathrin-Marén Enders und Judith Patzelt sind Goneril und Regan sind zwei menschgewordene Gemeinheiten. Johann Schibli gibt den Gloster als einen Anständigen, der ins Unglück kommt, weil er gutgläubig folgt. Wolf-Dieter Kabler gibt überzeugend den Machtmenschen, den seine Selbstherrlichkeit geschwächt hat. Das geheime Zentrum des Spiels ist der Narr, den Carolin M. Wirth mit herrlicher Unbekümmertheit verkörpert. Der Narr ist es, der alles kommen sieht und der am Ende übrigbleibt – das die Regie mit einem simplen, aber effektiven Trick gestaltet, der aus einem Horrorfilm gegriffen scheint.

König Lear am Theater Münster,

7., 12., 15., 17., 30.4., 3., 13.5., 9.6.,

Tel. 0251/59 09 100,

http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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