Mario Adorf spielt zur Kinofest-Eröffnung in Lünen

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Blick zurück: Mario Adorf spielt in „Der letzte Mentsch“ einen Juden, der seine Identität sucht, zu sehen in Lünen.

Von Achim Lettmann LÜNEN - Maria Adorf ist ein nachdenklicher, eigensinniger und irgendwie auch unbändiger Mann. Dieses unverwechselbare Charisma adelt jede Figur, die der 83-Jährige in den letzten Jahrzehnten in Film, Fernsehen oder auf der Bühne spielte. Seit über 60 Jahren ist Mario Adorf Darsteller. Es gibt in Deutschland keinen zweiten wie ihn. Beim Kinofest in Lünen ist Adorf am Donnerstag im Eröffnungsfilm „Der letzte Mentsch“ zu bestaunen.

Und es scheint, als ob Mario Adorf seine Charaktereigenschaften dem Menachem Teitelbaum geliehen hat, den er in Pierre-Henry Salfatis Film verkörpert. Teitelbaum ist ein Jude, der die Vernichtungsmaschinerie der Nazis überlebt hat, und nach 1945 unter deutschem Namen alles vergessen wollte. Mittlerweile hoch betagt, möchte Marcus Schwartz auf einem jüdischen Friedhof begraben werden. Aber ihm fehlen Beweise, dass er Jude ist.

Hier setzt das Drehbuch von Pierre-Henry Salfati und Almut Getto an. Beide können sich nicht entscheiden, wird es eine schmerzhafte Bewältigung der Vergangenheit, wird es ein Roadmovie in die ferne Heimat und zu sich selbst oder eine bittersüße Bilanz zum falschen Leben am falschen Ort? „Der letzte Mentsch“ hat von allem etwas, und der Film wird vor allem von Mario Adorf zusammen gehalten. Kameramann Felix von Muralt zeigt Adorfs Gesicht wie eine alte Geschichtskarte, in der man lesen soll. Die Kippa auf seinem Kopf steht ihm gut, aber er ist es nicht gewohnt, sie zu tragen. So tut sich Teitelbaum schwer, mit seiner jüdischen Identität, auch weil die Erinnerungen an Auschwitz ihn aufwühlen. Einmal schlägt er mit den Händen auf seinen Kopf ein, um das Denken zu stoppen („Fort damit!“). „Jude sein, ist eine Krankheit“, sagt Menachem Teitelbaum, wenn er nicht mehr Marcus Schwartz ist. Behutsam verschiebt der Film die Selbstwahrnehmung. In der ungarischen Heimat geht er an ruinnösen Häuserresten entlang und trifft eine blinde Frau (Hannelore Elsner), die ihn heiraten will. Er umarmt ganz überraschend seinen Freund Mikos, der früher „Judenteufel“ war, also ein Nichtjude, der am Sabbat Dinge getan hat, die Juden nicht tun sollten. Das sind starke Momente, die von den Darstellern getragen werden und über manche Dialogschwäche hinwegführen.

Gefahren wird Teitelbaum von der jungen Türkin Gül (Katharina Derr), die sich dem alten Mann nahe fühlt, weil sie als selbstbestimmte Türkin Probleme mit ihrer Familie hat. Dass der Film hier Parallelen zum Schicksal der Juden legt, ist eine Schwäche der Geschichte. Gül soll über Judenwitze, KZ-Berichte und das Profil des liberalen alten Mannes einen Begriff davon bekommen, wie wichtig es ist, die Gräuelgeschichte Europas in gelebte Menschlichkeit zu verwandeln. Ein hoher Anspruch, zu dem man schrittweise im Film geführt wird. Nicht alles ist stimmig, aber intensiv, aufrührend und warmherzig.

Ein Fotograf (Roland Bonjour) vom Spielberg-Projekt filmt die Monologe Teitelbaums fürs Archiv. Die Zeit der Überlebenden läuft ab. Und am Ende finden sich Menschen, die Menachem gekannt haben, die bezeugen, dass er Jude ist. Und irgendwie hat Mario Adorfs Rollenstudie dazu geführt, dass uns dieser Teitelbaum bereits nach dem Film fehlt. Er fehlt wie das Judentum vielerorts in unserer Gesellschaft. Ab 3. April 2014 ist „Der letzte Mentsch“ im Kino zu sehen.

Zur Premiere kann Mario Adorf nicht zum 24. Kinofest Lünen kommen. Dafür sind die Darsteller Katharina Derr und Roland Bonjour im Cineworld Kino. Zu den 80 Gästen des Festivals zählen noch Dieter Kosslick, Direktor der Berlinale, Schauspieler Waldemar Kobus („Die schwarzen Brüder“), Regisseur Dominik Graf, Tobias Licht, Hauptdarsteller im „Im weissen Rössl“ und Alfred Holighaus von der Deutschen Filmakademie (Berlin). Sehenswert ist auch ein postproduzierter Heimatfilm von 1956. „Das Dorf in der Heide“ erzählt ein Provinzgeschichte, die ihren Ton nach 57 Jahren wieder bekommen hat.

Bis 24. November; Karten-Tel. 01805 /24 63 96 (14 Cent/min.), www.kinofest-luenen. de

Quelle: wa.de

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