Marcus Lobbes inszeniert Rezas „Der Gott des Gemetzels“ in Dortmund

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Im antiken Gewand: Szene aus „Der Gott des Gemetzels“ in Dortmund mit Axel Holst und Eva Verena Müller. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Geben sie hier vielleicht das falsche Stück? Warum sehen wir vier Schauspieler in pseudogriechischen Tüchern auf den Stufen eines der Antike nachempfundenen Tempels, wo wir ein Wohnzimmer erwarten? Was sollen die riesigen Plüschtiere auf den Sockeln rechts und links? Die Überraschung gelingt Regisseur Marcus Lobbes und Bühnenbildner Christoph Ernst am Schauspiel Dortmund: Der erste Blick auf Yasmina Rezas Komödie „Der Gott des Gemetzels“ findet Unerwartetes.

Spätestens seit Roman Polanskis glamouröser Verfilmung gehört das 2006 uraufgeführte Stück sozusagen zum Kanon. Zwei Elternpaare treffen sich bei den Houillés, um über eine Schlägerei unter Schulkindern zu sprechen, den Fall zivilisiert beizulegen. Ferdinand hat Bruno mit einem Stock zwei Zähne ausgeschlagen. „Wir sind alle guten Willens“, sagt Brunos Vater Michel. Doch die Friedensverhandlungen münden in immer größeren Spannungen. Annette wird auf Véroniques kostbaren Kokoschka-Katalog kotzen. Alain, Anwalt eines Pharma-Konzerns, versucht nebenbei den Fall eines Medikaments mit Nebenwirkungen zu managen – bis sein Handy in der Blumenvase landet. Man flirtet fremd, man geht sich fast an die Gurgel. Man ist monströser als die Schuljungen, die hier den Anlass geben.

All das hört man in Dortmund, in den Text greift die Regie kaum ein. Aber man sieht etwas ganz anderes. Lobbes behandelt Rezas Stück wie einen abgespielten Klassiker. Er setzt die Handlung voraus und zeigt das, was Reza andeutet. Dazu gehört die „antike“ Optik, der Text ironisiert kleinbürgerliche Konventionen, indem er archaische Tragödienmotive einsetzt. Lobbes macht die Andeutung sichtbar. Zugleich verfremdet er. Alains Handy fehlt. Ekkehard Freye spricht die Anweisungen an sein Büro, als ob sie zur Auseinandersetzung bei Houillés gehören. Nun legt das Geschäftsgespräch Strategien offen, die auch in den Verhandlungen mit den Eltern des Opfers eingesetzt werden. Was dem Betrachter auffallen könnte, wird ihm aufgedrängt, weil sich die Grenzen zwischen den Spielebenen auflösen.

Dass Michel (Axel Holst) mit Annette (Friederike Tiefenbacher) flirtet, wird nicht angedeutet, sondern mit handfesten Fummeleien am Po ausgestellt. Wenn Alain und Annette vom Clafoutis kosten, dann sitzen sie vorn am Bühnenrand und knutschen heftig, „hmmm, lecker“. Es gibt ein Ohrfeigenduell zwischen den Männern, die im übrigen in Rock und Stöckelschuhen spielen, was wohl ein Kommentar zu ihren kleinbürgerlichen Rollenvorstellungen sein soll. Akteure wickeln sich mumienartig in das Klopapier, das bahnenweise von einer „Säule“ hängt. Véronique (Eva Verena Müller) steigt auf einen Ministuhl, um mit großer Geste zu proklamieren: „Ich bin besorgt!“

Die Darsteller stellen sich mit bewundernswerter Geschmeidigkeit den Anforderungen und Zumutungen der Regie. Sie tanzen und stolpern über Stufen. Müller schwimmt trocken. Tiefenbacher würgt und röchelt hinreißend. Freye hüpft, die Absätze in einen Syroporblock gestochen. Holst macht den Gorilla. Bei diesem Hochdrucktheater ohne Atempause gibt es freilich keinen Spannungsbogen. Dass die anfangs förmliche Begegnung in Verbalkrieg eskaliert, spürt man hier kaum, weil schon in der ersten Szene volles Drama gegeben wird. Das wird seine Liebhaber finden. Bei der Premiere gab‘s aber neben Jubel für die Darsteller Buhs für die Regie.

Rezas Stück ist immer noch komisch in Dortmund. Aber man hat bei Lobbes‘ Inszenierung das Gefühl, dass er einem den Gag eines Witzes erklärt. Wir hätten viel mehr gelacht, wenn er uns den Witz einfach gut erzählt hätte.

20., 29.1., 4., 10. 19., 22.2., 4., 10., 17.3.,

Tel. 0231/ 50 27 222, http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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