Marco Balzano schreibt „Ich bleibe hier“

Marco Balzano, italienischer Schriftsteller. Foto: Geri Krischker / Diogenes Verlag

„Ich bleibe hier“ heißt das Buch des Schriftstellers Marco Balzano. Es zählt derzeit zu den meistgelesenen Romanen Italiens. Und wer denkt bei diesem Titel nicht gleich an das Beharrungsvermögen, das einem in Corona-Zeiten abverlangt wird: diszipliniert sein, zuhause aushalten und auf bessere Zeiten hoffen.

Das sind Eigenschaften, die auch die junge Trina auszeichnen. Sie lebt im Vinschgau, jener bergigen Region im Norden Italiens, die von den deutschsprachigen Bewohnern Südtirol genannt wird. Marco Balzano erzählt von Einzelschicksalen und von einer Familiengeschichte, die unaufhörlich von Diktatoren und Politikern des 20. Jahrhunderts bestimmt wurde. Das Leben Trinas gerät in den 1920er Jahren in Schieflage, als Benito Mussolini und seine Anhänger die Stadt Bozen verwüsten und die Carabinieri nichts dagegen unternehmen. Bisher kam die Geschichte („Sie war wie ein Echo, das verhallte“) nicht nach Graun, dem Südtiroler Dorf. Das sollte sich nun ändern. Balzano erzählt bis in die 50er Jahre. Er hat einige Figuren für seinen Roman erfunden, aber nicht das Leid, das viele Südtiroler erdulden mussten.

Marco Balzano, 1978 in Mailand geboren, hat jahrelang die Geschichte des Bergdorfs Graun recherchiert. Keinem Ort und seinen Menschen sei es schlechter in Italien ergangen, weiß Balzano. Auch Graun geriet ins Fadenkreuz des faschistischen Diktators Mussolini. Die Südtiroler mussten auf seine Anweisung hin Italienisch sprechen, Deutsch war an Schulen verboten. Italiener aus Sizilien und Kalabrien erhielten staatliche Stellen im Vinschgau. Als Hitler den Weltkrieg begann, mussten sich dann Südtiroler entscheiden („die große Option“), entweder ins Deutsche Reich zu ziehen oder in der Heimat zu bleiben – als Bürger zweiter Klasse. Und nach dem 2. Weltkrieg forcierte der italienische Staat ein Energieprojekt, dem das Dorf Graun geopfert wurde. Der Ort versank in einem Stausee. Die Menschen wurden umgesiedelt. Die Heimat war verloren.

Schlimmer kann es kaum kommen. Marco Balzanos Leistung besteht aber nicht darin, Grauns Niedergang ermittelt und für Italien aufbereitet zu haben. Erstaunlich ist vielmehr sein schriftstellerisches Vermögen. Er hat aus Zeitgeschichte eine große Parabel des Menschseins geschaffen, die in seinen Figuren aufgeht. Das Tragische wirkt in „Ich bleibe hier“ zeitlos. Balzano hat aus dem Drama des Dorfes eine empfindsame und nachvollziehbare Geschichte entwickelt, die einem vorführt, wie widersinnig und unausweichlich das Leben sein kann.

Erzählt wird es von Trina, die sich mit ihrem erlittenen Leben an ihre Tochter Marica wendet, die eben nicht geblieben ist, sondern mit der Schwester von Trinas Mann die „große Option“ wahrgenommen hatte. Sie ging als Elfjährige nach Deutschland, um später studieren zu können, aber ohne ihren Eltern etwas zu sagen. Dieser bittere Verlust grundiert den Erzählfluss, den Balzano mit großer Ruhe anstimmt. Der Niedergang von Mussolini und Hitler ist bekannt, die Folgen für den Einzelnen sind unterschiedlich. Zum Beispiel rät Trina einer Freundin, heimlich Deutsch zu unterrichten. Als Barbara dann von den Faschisten aufgegriffen wird, muss sie in die Verbannung auf die Insel Lipari. So unverhältnismäßig diese Aktion ist, so ruppig zeigt sich das Regime immer wieder in „Ich bleibe hier“. Die Freundinnen werden sich nie wiedersehen.

Wie geht Trina mit ihrer Schuld um oder ist sie gar unschuldig? Balzano stellt grundsätzliche Fragen, ohne sie zu beantworten. Er führt seine Figuren durch ein Leben, das mehrere Möglichkeiten bietet. Deshalb ist der Roman so schlüssig. Trinas Ehemann Erich sagt zu den Faschisten, die mit dem Staudammbau beginnen. „Wenn wir weggehen, haben die anderen gewonnen.“ Er wird zeitlebens gegen das Projekt kämpfen. Ihm blieb nichts anderes. Auch der Stellungsbefehl der italienischen Armee wird ihn erreichen. Er muss nach Griechenland. „Die Deutschen sind noch bestialischer als die Italiener“, sagt Erich.

In welchem Verhältnis steht das persönliche Schicksal mit dem Weltenlauf? Balzano konterkariert eine geschichtstheoretische Frage mit der Erzählkunst plausibler Emotionen. Dass Trina auf deutsche Soldaten schießt, die sie verfolgen, dass ihr Sohn Michael auf Hitler zählt, der ihnen helfen soll, dass die Familie Vergeltungen durch die Deutschen überlebt, das ist in einer Balance erzählt, die alles anspricht, ohne irgendetwas als Unterhaltung vorzuführen.

Als am Staudamm 1946 wieder gebaut wird, gibt Trina innerlich den Kampf auf. Die Menschen fügen sich, der Papst wird noch angerufen, und Erich fährt nach Rom, wo eine Audienz in Gesten verläppert. Nichts hilft, das Wasser steigt. Nur der Kirchturm wird noch aus dem Stausee schauen. Ein Touristenziel der Nachkriegszeit.

Und Mario Balzano erinnert immer mal wieder daran, dass Trina zu ihrer Tochter Marica spricht. Dann wird die innere Dramatik der Mutterfigur zu einem Schmerzraum, der größer ist als die ganze Welt. Ihr Unglück bleibt „Für immer in dem sinnlosen Versuch gefangen, dich zurückzuholen. An diesen Ort, wo du nicht mehr bleiben wolltest“, sagt Trina. Die Mutter sehnt sich, die Mutter hadert („Ich durfte nicht mehr an Dich denken.“), und zum Verlust kommt die Ohnmacht, die viele Menschen in dieser Geschichte aushalten müssen. „Dein Bild verblasste, ich erinnerte mich nicht genau an den Klang deiner Stimme.“ Es gibt weniger Trost als Trotz: „Ich werde dir nicht deine Abwesenheit schildern.“

Marco Balzano: Ich bleibe hier. Roman. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Diogenes Verlag, Zürich. 286 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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