Die Manifesta 9 in Genk widmet sich der Kohle

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Die Last der Geschichte: Marcel Duchamps Installation aus 1200 Kohlensäcken ist in Genk zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ GENK–Die weißbärtigen Herren zischen, lassen Klänge in der Kehle rollen, gurgeln, kreischen. Sie stehen auf einer Zechenhalde in Kent, ein Bergmannschor auf schwarzen Steinen, zwischen grauen Pfützen. Die Künstler Mikhail Karikis und Uriel Orlow haben sie gebeten, die Geräusche ihrer Arbeitswelt nachzuahmen. Das Video „Sounds from beneath“ ergreift, weil im Ernst ihres Vortrags, in den konzentrierten Gesichtern, die Geschichte der Kumpel mitschwingt.

Zu sehen ist der Film auf der Manifesta 9 im belgischen Genk, die sich das Thema „The Deep In The Modern“ setzte, die Tiefe der Moderne. Die Manifesta, Anfang der 1990er Jahre gegründet, ist eine europäische Kunstbiennale mit wechselndem Standort. Dabei suchen die Kuratoren vor allem Schauplätze abseits der Kunstzentren, die thematisch bearbeitet werden. Genk, die 65 000-Einwohner-Stadt im äußersten Osten Flanderns, entstand erst vor gut 100 Jahren mit dem Bergbau. Das Team um den mexikanischen Kurator Cuauhtémoc Medina präsentiert im einstigen Hauptgebäude des Bergwerks Waterschei eine Schau, die ganz auf das Thema Kohle zentriert wurde. Hauptausstellungsstück ist das Verwaltungsgebäude. Das Art-Déco-Bau von Gaston Vautquenne aus dem Jahr 1924 wurde entkernt, der Putz bröckelt von den Wänden, aber noch im ruinösen Zustand zeugt diese Industriekathedrale mit den wundervollen Fensterfronten und dem hohen Turm von der Pracht der Kohlezeit.

Die Ausstellung gestaltet sich als visueller Essay in drei Abschnitten, einem zur Geschichte des Bergbaus, einem zur Kohle in der Kunst und einem mit Werken von 41 Gegenwartskünstlern. Es entstand ein anregender Parcours über Energie, Arbeitswelt, Reichtum. Ein regionales Bergbaumuseum, das ein Verein im Gebäude betreibt, wurde integriert. Man sieht an Glasvitrinen mit den „Livrets des ouvriers mineurs du Bois-du-Luc“, französischsprachigen Arbeitsbüchern aus dem 19. Jahrhundert, die der Kontrolle der Bergleute dienten, den Wandel der Arbeitsbedingungen. Erst im späten 19. Jahrhundert wurde die Kinderarbeit begrenzt auf zwölf Stunden täglich, falls nicht ein Pause von anderthalb Stunden gewährt wurde. Bestickte Küchentücher sind Zeugnisse der Migration, man findet Sprüche in ungarischer, polnischer, deutscher Sprache. Wenn Rocco Granatas „Marina“ erklingt, ist das kein Bruch: Der Sänger mit italienischen Wurzeln arbeitete einst in Waterschei als Bergmann. In der Schau gibt es ein Kabinett über ihn.

Und Filme laufen. Da gibt es den Film aus den frühen 1950ern, der Jobsuchende anspricht: Werde Bergmann. Aber auch Klassiker wie Alberto Cavalcantis „Coal Face“ von 1935, der mit experimentellen Stilmitteln sozialkritisch den Bergbau in Großbritannien darstellt, eine filmische Kurzsinfonie, zu der der Dichter W. H. Auden den kühlen Text beisteuerte und Benjamin Britten die Musik komponierte. Und auch Joris Ivens‘ und Henry Storcks Reportage über die Kohlenkrise Anfang der 1930er Jahre, „Misère au Borinage“, ist zu sehen, im Original und in einer modernen Nacherzählung als Animationsfilm durch Eric van Lieshout.

Kohle wurde schon im 19. Jahrhundert Thema für Künstler, wie das historische Kapitel demonstriert. Man betritt es durch eine rekonstruierte Arbeit von Marcel Duchamp für den surrealistischen Salon 1938: Unter der Decke hängen 1200 Kohlensäcke und lasten auf dem Gemüt des Besuchers. Man sieht Gemälde des kritischen Realisten Constantin Meunier, Untertage-Zeichnungen von Henry Moore und dokumentarische Fotos der flämischen Mine Winterslag von Bernd und Hilla Becher. Und man begegnet noch einmal dem Helden der Arbeit Alexei Stachanow, der 1935 in einer Schicht 102 Tonnen Kohle förderte, das 14-Fache der Norm, womit er der sowjetischen Propaganda wunderbaren Stoff lieferte.

Zeitgenössische Künstler nutzen die Räume für suggestive Installationen. Richard Long legt aus Kohle die 26 Meter lange „Bolivian Coal Line“ (1992). Ni Haifeng füllt eine Halle mit Stoffresten aus chinesischen Nähereien und baut Nähmaschinen auf. Besucher können die Fetzen aneinander nähen, das entstehende gewaltige Laken erhebt sich aus der Tuchhalde. Michaël Matthys malt mit Kuhblut triste Ansichten der früheren Bergbaustadt Charleroi.

Manchmal klingt die „Internationale“ durch die Hallen. Nemanja Cvijanovic hat eine Spieluhr aufgestellt, an der Besucher drehen. Die Melodie wird über Mikrophone abgenommen und dröhnen aus Lautsprechern über den Platz vor dem Gebäude. Vielleicht will der kroatische Künstler dem Sozialismus ein Hoffnungsständchen bringen. Vielleicht aber warnt er auch Unbesonnene: Dreht nicht an jedem Rädchen, das man euch hinhält. Die Folgen können furchtbar sein.

Manifesta 9 im Bergwerk Waterschei in Genk, Belgien.

Bis 30.9., di – so 10 – 19, fr bis 22 Uhr,

Tel. 0032/ 89 / 710 440,

http://www.manifesta9.org

Katalog (engl./nl.) 32 Euro

Quelle: wa.de

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