Mamets „Anarchistin“ mit Cornelia Froboess

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Frauen im Psychoduell: Szene aus „Die Anarchistin“ mit Sibylle Canonica und Cornelia Froboess (rechts).

Von Edda Breski Recklinghausen - Ein Verbrecher ist ein Verbrecher ist ein Verbrecher. So einfach ist das in dem Stück „Die Anarchistin“. Der amerikanische Dramatiker David Mamet (er schrieb unter anderem die Drehbücher für „Wag the Dog“ und „Hannibal“) zeigte 2011 in der Konfrontation zweier Frauen eine Auseinandersetzung auf einem riesigen, von vielen Grautönen bestimmten Feld.

Es treffen aufeinander: die ehemalige Terroristin und Strafgefangene Cathy, die um ihre Freilassung ersucht, und die Staatsanwältin Ann, deren Motiv lange schwammig bleibt. Das ist eines der Probleme dieses Stücks, das Regisseur Martin Kusej als deutsche Erstaufführung am Residenztheater München inszenierte. Jetzt ist „Die Anarchistin“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen zu sehen, prominent besetzt. Cornelia Froboess spielt die Gefangene, Sibylle Canonica die Anwältin.

Das Stück ist in sieben Szenen unterteilt, die Wechsel überfallen den Zuschauer durch brutale Lichtwechsel. In einem Verhörraum – ein Tisch, ein Stuhl – steht eine kleine, knochige Frau mit flusigem Pagenkopf, die Froboess im grünen Overall, und schiebt Schlagworte wie Glaube, Erlösung, Hinwendung zu Christus vor wie Steine auf einem Spielbrett. Die Anwältin glaubt der Gefangenen die Bekehrung nicht, und sie hat natürlich recht. Aber die Motivlage Anns ist unklar, eine rein strafrechtliche ist es eher nicht.

Kusej hat das Stück auf die Kollision zweier Typen hin inszeniert: hier die argumentativ sattelfeste, belesene, sexuell erfahrene Cathy, dort die auffallend farblose Ann. Wo der Text Möglichkeiten anreißt und unbefriedigenderweise wieder verwirft, deutet Kusej mehrdeutige Verbindungen zwischen beiden an. Aber auch er kann aus dem Stück nicht mehr machen, das auf Schlagwortebene verharrt, statt aus dem Aufeinandertreffen zweier Pole Energie zu generieren. Die sieben Szenen sind im Prinzip dialogische Abhandlungen von Begriffen wie „Volk“ und „Staat“ oder „Verbrechen“. Da wird dann auf den Kriminalanthropologen Cesare Lombroso angespielt, der im 19. Jahrhundert Schädel von Verbrechern vermaß, um einen kriminellen Menschentypus nachzuweisen. Weiter sind wir nicht?

Dass der Abend trotzdem funktioniert, liegt vor allem an der Froboess als Cathy. David Mamet gab seiner Figur eine Mischung aus Idealismus und Ideologieglauben mit. Die 69-jährige Froboess mischt Ungeduld und einen gewissen Pragmatismus hinein, auch Sinnlichkeit, und sie spricht ihre Sätze mit einer Renitenz, die durch das Alter nicht gedämpft, sondern entschlackt wurde. Sibylle Canonicas Staatsanwältin bleibt lange spröde, die Enthüllung ihrer religiös-moralischen Überzeugungen („Ich will Sie erlösen“) kommt sehr spät und plötzlich, doch Canonica gewinnt diesem Moment ernsthaftes Gefühl ab.

Kusej hat auch ein Schlussbild gefunden, das die Hauptfigur Cathy umfasst und beinahe poetisch überhöht. Die einstige Terroristin kleidet sich in ihre Ideologie wie in einen Schutzmantel und thront von den Menschen abgetrennt, einsam mit sich.

11.5., Tel. 02361/ 92 180, www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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