Der Maler Luc Tuymans im Bozar in Brüssel

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Luc Tuymans erläutert im Bozar in Brüssel sein Gemälde „Our new quarters“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BRÜSSEL–Das Bild wirkt vollkommen harmlos. Ein großer Häuserblock zieht sich als Band durch die Horizontale, gegliedert allein durch schwarze Fensteröffnungen.

Rechts sieht man eine schwarze Markierung im Vordergrund, ein kahler, schmaler Baumstamm. Und Schrift: „Our new quarters“. Warum malte Luc Tuymans 1986 diese Postkarte? Um sein Werk zu verstehen, muss man wissen, dass dies eine Nachricht ist, die Alfred Kantor aus Theresienstadt schickte. Der Jude überlebte drei Konzentrationslager, auch das Muster-KZ, das die Nazis in einem alten Kasernenkomplex errichtet hatten. Die unschuldige Nachricht wird dadurch zum Memento, dass der belgische Künstler sie in ein anderes Medium übersetzt. Die Fotopostkarte wurde noch abstrahiert, die Bauten sind kaum erkennbar, das Graugrün erzeugt beim Betrachter Unbehagen. Tuymans malte das Dokument des Holocaust, damit wir es erkennen.

Luc Tuymans gehört zu den einflussreichsten Gegenwartsmalern. Geht man mit ihm durch die Retrospektive im Bozar, dem Palast der Schönen Künste in Brüssel, dann bekommt man zu fast jedem Bild eine Geschichte erzählt. Es ist die letzte Station der Ausstellung, nach vier Stationen in den USA die einzige in Europa. Tuymans hat daran mitgewirkt, neben den US-Kuratorinnen. In einem Fundus von 500 Bildern wurde recherchiert, um die Schau mit rund 75 Exponaten zusammen zu stellen. Hier, sagt Tuymans, hängen die Gemälde am idealen Platz, in der imperialen Jugendstil-Architektur von Victor Horta, nah am Brüsseler Establishment.

Der 1958 in Mortsel geborene Flame meint von sich, er wäre ein schlechter abstrakter Maler. Darum malt er nicht abstrakt. Auch wenn seine Bilder kaum einen Gegenstand abzubilden scheinen, befassen sie sich doch mit Realität. Tuymans gehört zu den Erneuerern der Historienmalerei. Seine Malerei beansprucht Verbindlichkeit. Vordergründige Schönheit findet man nicht. Die ausgebleichte Palette und die stark vereinfachten Formen verweigern sich dem schnellen Genuss. Das kann gleichwohl attraktiv aussehen: 1989 malte er „Wandeling“ (Spaziergang), beeinflusst vom Romantiker Caspar David Friedrich, den er oft als Inspiration nennt, und von japanischen Holzschnitten. Die Formen sind reduziert, man sieht eine Gruppe Männer in einer blauweißen Fläche, einer Winterlandschaft, die von einem kahlen Baum beherrscht wird. Er verarbeitete in dem Bild ein historisches Foto von Hitlers Entourage. Tuymans arbeitet mit einer paradoxen Situation: Die Diktatur ist nicht darstellbar in einem Gemälde. Trotzdem besteht er auf dem Medium – und zwingt den Betrachter zur Mitarbeit, zur Reflexion über das Scheitern einer Kunst, die sich am Grauen der Geschichte abarbeitet.

Seine Bilder reagieren meistens auf bestehende Bilder, auf Fotos und Filmszenen. Der Betrachter soll auf sie verwiesen werden durch ihre malerische Wiederholung. Dann soll er sich erinnern. Das Gemälde fungiert als Auslöser eines Denkprozesses, nicht so sehr als autonomes ästhetisches Erlebnis. Tuymans rehabilitiert die Malerei nach dem Ende der Malerei. Er sieht durchaus das Anachronistische in seiner Arbeit. Er sei ein Kind der Fernsehgeneration, stellt er fest. Das führe zum Überdruss am visuellen Material. „Der Maler bringt das Bild zum Stillstand, die Malerei hat ihre eigene Zeit“, sagt er.

Er bearbeitet seine Vorlagen, macht blasse, unscharfe Polaroidaufnahmen davon, Vergrößerungen oder Verkleinerungen, die dann in ein neues Bild münden. Die Bilder stehen still, sind leise, und erzeugen doch nachhaltigen Schrecken. Zum Beispiel „Peter“ (1994), ein Stillleben von einer Küchenspüle mit Kaffeekanne, Topf, Deckel. Vorlage war die Tatortfotografie aus der Küche eines Serienkillers.

Die Retrospektive ist chronologisch gehängt und rekonstruiert einige zentrale Ausstellungen Tuymans', zum Beispiel „Mwana Kitoko: Beautiful White Man“. Mit der Serie bespielte der Maler 2001 den belgischen Pavillon der Biennale von Venedig, und es ist eine Auseinandersetzung mit dem Ende der belgischen Kolonialherrschaft im Kongo. Da gibt es das Porträt des belgischen Königs Baudouin I. in einer weißen Prunkuniform und das nüchterne Bildnis von Patrice Lumumba, des demokratisch gewählten Präsidenten, der im Zusammenspiel der Geheimdienste Belgiens und der USA ermordet wurde.

2005 zeigte Tuymans seine Serie „Proper“ in den USA, auch sie ist in die Retrospektive integriert. Hier findet man sein suggestiv-rätselhaftes Porträt der US-Außenministerin Condoleezza Rice in extremer Nahsicht, mit kühlem, ernsten Blick, der sich sozusagen auf das benachbarte Bild richtet, „Ballroom Dancing“, ein Fund aus dem Internet, ein tanzendes Paar. Tuymans sieht die Gemälde als Gegenstücke an, sie überbrücken die Distanz zwischen der Nation im Krieg und ihren sich amüsierenden Bürgern. Ein weiteres Bild der Serie ist „Demolition“, das die schweren Staubwolken eines Abrisses zeigt und an die einstürzenden Türme des World Trade Centers erinnert.

In seinen besten Werken erreicht Tuymans das Innehalten, das Einfrieren der Bilderflut. Helden gibt es in seinen Gemälden nicht. Der Maler führt uns auf den staubigen, manchmal unscheinbaren Boden der Wirklichkeit. Da gibt er dem Betrachter die Zeit, sich zu erschrecken, zu erinnern, zu fühlen.

Luc Tuymans – Retrospective. Bozar, Palast der Schönen Künste, Brüssel. Bis 8.5., di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr,

Tel. 0032/ 2/ 507 82 00

http://www.bozar.be

Katalog (nl., frz., engl.) 39,90 Euro

Allg. Infos: Tourismus Flandern/Brüssel, Köln,

Tel. 0221 / 270 97 70;

http://www.flandern.com

Quelle: wa.de

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