„Maison de Plaisance“ von Rosemarie Trockel und Paloma Varga Weisz

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Blick in den „Vogelraum“ von Rosemarie Trockel im Schloss Morsbroich ▪

Von Ralf Stiftel ▪ LEVERKUSEN–Den „Vogelraum“ hat Rosemarie Trockel weiß fliesen lassen. Vor Kopf ist ein Käfig aufgestellt, in dem ausgestopfte Vögel hin und her ruckeln. Ab und zu pingt dazu eine Glocke. In der Ecke hängt eine künstliche Palme von der Decke. Daneben hängt die Reproduktion eins der berühmtesten Gemälde der Welt: Gustave Courbets Gemälde eines nackten weiblichen Unterleibs, „Der Ursprung der Welt“ (1866). Trockel hat allerdings auf den Schoß eine Vogelspinne platziert, was die Männerphantasie des französischen Malers mit aggressiver Ironie umdeutet. Gefahr statt Geburt.

Und auch sonst holt sich die Künstlerin die stolzen Männlichkeitssymbole zurück: Die phallische Palme hängt schlapp, und die Vögel treiben das Ihre nur mechanisch. Diesem klinischen Vogelraum fehlen mehr als die Punkte über dem O zum Lustort. Als Kunstort allerdings bereitet er großes Vergnügen in der Ausstellung „Maison de Plaisance“ im Museum Schloss Morsbroich in Leverkusen.

Rosemarie Trockel, geboren 1952 in Schwerte, aufgewachsen in Leverkusen, mehrmals Teilnehmerin der documenta in Kassel, zeigt ihre Arbeiten in einer ungewöhnlichen Konstellation, in einer Doppelausstellung mit ihrer Kollegin Paloma Varga Weisz. Die 1966 geborene, in Mannheim geborene Düsseldorferin mag weniger prominent sein als ihre Kollegin, hoch geschätzt wird sie in der Szene durchaus. Und die Arbeiten hängen nicht einfach unter einem Dach, die Künstlerinnen tauschten sich für die Schau aus, beziehen einzelne Werke aufeinander, führen einen Dialog mit Skulpturen und Bildern. Rund 100 Werke sind zu sehen, viele entstanden während der Vorbereitung eigens für Leverkusen. Der Ausstellungstitel spielt mit dem Schauplatz: Schloss Morsbroich in seiner heutigen Form wurde um 1775 als „Maison de Plaisance“, als Sommer- und Jagdresidenz im Rokoko-Stil errichtet. Die Künstlerinnen bieten nun eine ironische Möblierung des Hauses, deuten in verschiedensten Variationen Vergnügen und Lust neu. Einen roten Faden habe die Schau nicht, sagt Kuratorin Stefanie Kreuzer, sie fasere vielmehr aus zu einer Art Gewebe.

Auch Weisz mokiert sich über aufgeblasene Männlichkeit: Man sehe sich nur ihre lebensgroße Figur eines Schreibtischarbeiters an, an dem als erstes seine eregierte Nase auffällt. Die Künstlerin schuf aber auch weniger aggressive Arbeiten. So setzte sie sich intensiv mit ihren Eltern auseinander. Ihre Mutter formte sie in Keramik in Lebensgröße nach, auf einer Liege ruhend wie aufgebahrt. Von ihrem Vater schuf sie mehrere Porträtbüsten, sie nahm ein Video mit ihm auf, das sie im Dialog mit ihm zeigt, der ebenfalls Künstler war. Und sie zeichnete ihn auf dem Sterbebett, leise, intime Blätter des Kopfes sind das, die nichts am körperlichen Verfall beschönigen und doch viel Zuneigung formulieren.

Manchmal tauchen die Motive der einen wie ein Echo im Werk der Kollegin auf, mit gewandeltem Kontext. Weisz zeigt ein großes Weinfass mit anmontierten, aus Gips geformten Kinderbeinen. Früher reinigten Kinder die Fässer, nur sie passten durch die kleinen Öffnungen. Bei Trockel findet der Besucher eine Etage höher ein offenbar weibliches Bein mit Netzstrumpf in einem Schrank, der verdinglichte Körper als Ausstellungsstück.

Man sieht ein beeindruckendes Kabinett, das Weisz in Petersburger Hängung mit Zeichnungen bestückt hat. Sie zeigt verkupferte Holzbüsten wie den „Hatman“, die verblüffend barock daherkommen.

Trockel bietet einen vielfältigen Querschnitt durch ihr Schaffen, zum Beispiel das „Still Life“ (2011), an die Wand montierte Holzreifen, die still hängen, aber den Eindruck von Bewegung vermitteln. In einem weiteren Raum zeigt sie ihr „Picnic“ (2012), eine Wandvitrine, in die sie getrocknete Pflanzenteile arrangierte, was an barocke fürstliche Wunderkammern erinnert. Daneben hängt das Foto eines tätowierten jungen Mannes, auf dessen Oberkörper und Armen Tier- und Pflanzenmotive zu sehen sind. Hinzu kommen Wollarbeiten, die Motive konstruktivistischer Kunst aufnehmen, und ein Keramik-relief, das rohe Fleischstücke abformt.

Maison de Plaisance mit Rosemarie Trockel und Paloma Varga Weisz im Museum Schloss Morsbroich, Leverkusen. Bis 30.9., di – so 11 – 17, di bis 21 Uhr,

Tel. 0214/ 85 55 60,

http://www.museum-morsbroich.de , Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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