Das Märkische Museum Witten erinnert an die Künstlergruppe B1

+
Schweres Spielzeug: Günter Tollmanns „Bewegliche Plastik T VI“ (1974) aus Edelstahl, zu sehen in der Ausstellung B1 im Märkischen Museum Witten.

Witten – Übermannshoch ragt Günter Tollmanns „Bewegliche Plastik T VI“ (1974) empor. Wer sollte diese wuchtige Konstruktion aus drei übereinander montierten Edelstahl-Elementen drehen? Da müsste schon ein Riese anpacken.

Groß dachten sie, die zehn Künstler, die vor genau 50 Jahren die Gruppe B1 gründeten. Am Ruhrschnellweg lebten sie, in Bochum, Herne, Essen. Und sie wollten das Ruhrrevier menschenfreundlicher gestalten, den Industrieraum ästhetisch überformen. Heute sind die meisten von ihnen nicht so berühmt wie einst, etwas für Fachleute. Damals machten sie durchaus Furore mit ihren Vorschlägen vor allem für Kunst an den Verkehrsadern des Industriegebiets. Gewaltige Landmarken sollten Autobahnkreuze auch zum visuellen Erlebnis machen, Lärmschutzwälle sollten bemalt, die Halden des Bergbaus eingefärbt werden.

Zum Gründungsjubiläum soll die Ausstellung „B1 – Konstrukteure künstlerischer Form“ im Märkischen Museum Witten an die Gruppe erinnern, die sich nach wenigen Ausstellungen 1970 schon wieder auflöste. Mit rund 90 Werken wird an die Künstler erinnert, die ihre einstigen Pläne überwiegend nicht realisieren konnten, heute aber mit vielen Arbeiten im öffentlichen Raum sehr präsent sind. So findet man die Röhrenplastiken von Friedrich Gräsel in Münster, Soest, Hagen, aber auch an der A46 im Sauerland, wo er Tunneleinfahrten gestaltete. Kuno Gonschiors Bemalung des Lärmschutzwalls an der A 43 im Ruhrgebiet hingegen ist heute kaum sichtbar, verschwunden unter Graffiti von Sprayern und zugewuchert von Gebüsch. Um 1970 sahen die Künstler die Autobahn noch positiv, als großes Versprechen von Freiheit und Mobilität.

Die Wittener Ausstellung soll, so Museumsdirektor Christoph Kohl, eine Neubewertung in Gang bringen. Die zehn B1-Mitglieder einte bei allen Unterschieden im Detail, dass sie die Tendenzen der Avantgarde der 1960er Jahre produktiv aufgriffen. Sie alle arbeiteten abstrakt, oft mit geometrischen Strukturen. Sie verwendeten die neuen Werkstoffe der Industrie, Stahl, Beton, Kunststoff. Sie machten die Kunst beweglich, mit kinetischen Elementen wie Tollmann in seiner Monumentalarbeit, oder auch mit Lichtkunst.

Wie die Gruppe den öffentlichen Raum umformen wollte, das machen Arbeiten von Friederich Gräsel deutlich wie seine Collage „Röhrenlandschaft Euroflor: Skyline-Projekt“ (1968/69). Darin konfrontiert er Fördertürme und einen Gasometer mit seinen wuchtigen Beton- und Stahlröhren. Und für die schwäbische Kleinstadt Rottweil konzipierte er 1972 eine „Hochofenverpflanzung“: Das „Schwarze Tor“, ein mittelalterlicher Turm, sollte temporär mit einem Hochofen überbaut werden. Dabei solle der „Staubpelz“, merkt er in der großen Projektskizze in der Schau an, „ungeschädigt bleiben“. Das Industriemonument sieht Gräsel hier durchaus positiv, als „fremdes Riesenspielzeug für Rottweil“.

Manche Arbeiten wirken streng und spröde wie bei der Grafik von Bernd Damke, dessen Siebdrucke mit wenigen geometrischen Elementen sich aber durch die kräftigen Farben schon wieder der Pop Art annähern. Rudolf Knubels Triptychon „Farnesina“ (1978) ist sichtlich von der amerikanischen minimalistischen Malerei beeinflusst. Und Ewerdt Hilgemanns Holzobjekt „Quagga“ (1967) fächert weiße Holzstäbe zu einer bewegten Form auf, fast wie Günther Ueckers Nagelarbeiten.

Überaus frisch gehalten hat sich die besondere Malerei von Kuno Gonschior, der mit einer Art abstrakter pointillistischer Technik Leinwände energetisch auflädt, sie flirren und schwingen lässt wie in der „Vibration Grün-Violett-Orange“ (1961/63, beendet 1969). Einen sehr eigenwilligen Zugriff auf die moderne Konsumwelt beweist Rolf Glasmeier in seinen Wandobjekten. Ein Relief aus mal geschlossenen, mal gelochten Rechtecken ist aus Bauelementen geschaffen: „Kaufhausobjekt: Lüftungen“ (1978). Und die knallroten Schutzüberzüge von Putzgerät montiert er auf einer schwarzen Hartfaserplatte zum kinetischen Objekt, das dem Auge eine Bewegung vorgaukelt: „Kaufhausobjekt: Besenstielhalter“ (1967).

Dass die Ideen von B1 Schule machten, beweist die parallel laufende Ausstellung der Gruppe Konsortium. Die drei Düsseldorfer Künstler Lars Breuer, Sebastian Freytag und Guido Münch haben den Wechselausstellungsbereich zu einer großen Installation umgeformt mit Wandgemälden, Vitrinen und Schriftelementen.

B1 bis 22.9.,

Konsortium bis 26.5.,

mi – so 12 – 18, do bis 20 Uhr,

Tel. 02302 / 58 12 550, www.maerkisches-museum-witten.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare