Märchenhaft: „Rheingold“ in Gelsenkirchen

GELSENKIRCHEN – Konzertante Opernaufführungen besitzen ihren eigenen, puren Zauber. Sie verstecken die Musik nicht hinter Bühnenzauber; die Töne tragen die Geschichte und alle Gefühle allein. Von Edda Breski

Die Sänger müssen nur mit ihrer Stimme spielen, ohne von der Regie wahlweise sekundiert oder – soll ja vorkommen – behindert zu werden. Und was an Bildern der Komponist dem Ohr entwirft, muss das Orchester ausmalen, ohne dass ein farbiger Prospekt oder eine Folge von Lichtwechseln auf der Bühne der Imagination als Folie dient. In Gelsenkirchen gelingt das mit Wagners „Rheingold“. Das Musiktheater im Revier präsentiert den Vorabend zum „Ring des Nibelungen“ konzertant, getragen von einem Sängerensemble, das bis auf eine Ausnahme aus dem eigenen Hause stammt, und der Neuen Philharmonien Westfalen unter Chefdirigent Rasmus Baumann.

Das ist ein wunderbarer Einstieg in Wagners Weltendrama. Das „Rheingold“ ist ja zunächst einmal ein Märchen, in dem dunkle und helle Gestalten kämpfen, in dem die lichten, fröhlichen Rheintöchter ( wunderbar besetzt mit Alfia Kamalova, Dorin Rahardja und Almuth Herbst als spöttisch zwitschernde Naturwesen) ihren Schatz an den finsteren Zwerg Alberich verlieren. Baumann malt das aus, dass die Szenerie zum Greifen nahe erscheint: die sprudelnden Wasserblasen, die Strömungen im Rhein, das Licht der Sonne und des Rheingolds. Lautmalerisch und plastisch ist sein Dirigat. Ein luftiger, durchhörbarer Wagner ist da zu hören. Baumann arbeitet Details heraus, ohne insgesamt den Fluss zu verlieren. Im dritten und vierten Bild geht ihm ein wenig die Spannung aus, da werden die Tempi behäbig, der Handlungssog fehlt, etwa im „Einzug der Götter in Walhall“.

Die Sänger wirken, als mache es ihnen Spaß, einmal von den Fesseln einer Bühneninszenierung befreit zu sein. Björn Waag nutzt sein beeindruckendes Organ und gibt einen hämischen Alberich, der sich endlich mal in der Macht sonnen darf. In der Unterhaltung mit den Rheintöchtern wirkt Waags Stimme klotzig und in der Höhe leicht strähnig, im dritten Bild steigert er sich zu einer berührenden Darstellung und schleudert den Göttern, die ihm den Ring abnehmen, einen gewaltigen Fluch entgegen. Höchst beeindruckend ist auch Gudrun Pelker, die die Partien der Fricka und der Erda singt: wortdeutlich, sicher und stark, eine besorgte, wütende Fricka und als Erda weniger die allwissend-traurige Urweise denn eine streitbare Mahnerin, die Wotan eine gepfefferte Rüge verpasst.

Machtvoll, wenn auch etwas dröhnig, mit schwarzem Bass gibt Dong-Won Seo den Fasolt, Joachim G. Maass ist ein sehr kultivierter Fafner. Lust am Spiel hat auch William Saetre. Er nutzt seine nicht sehr große Stimme aus, wie er kann, singt Triller, schmeichelt Wotan; ein beweglicher Intrigant. Er mischt den Göttervater auf, den Andreas Macco edel, aber allzu müde und wenig nuanciert singt. Baumann muss das Orchester mehrmals bis aufs Äußerste zurückhalten. Die „Ring“-Opern sind nun einmal für die Bayreuther Schonakustik geschrieben, wo ein Deckel über dem Orchestergraben die Klangmassen dämpft. Schon gegen einen herkömmlichen Klang aus dem üblichen offenen Graben müssen Sänger kämpfen. In Gelsenkirchen aber stehen sie genau vor dem Riesenorchester. Eine Herausforderung für Baumann, die er gut löst. Er dämpft seine Musiker ohne allzuviel Reibungsverluste herunter – bewundernswert die Reaktionsschnelle im Ensemble, das er in den besten Momenten zu mitreißender Klangrede führt. Keiner der Sänger muss „brüllen“. Außerdem ist hörbar an der Artikulation und Deklamation gefeilt worden.

Quelle: wa.de

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