„Macht des Wortes“: Ausstellung über die Benediktiner in Dalheim

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Der heilige Benedikt und Scholastika in einer Miniatur des 17. Jahrhnuderts. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ LICHTENAU–Ein frommes Paar erscheint vor dem Betrachter. Der heilige Benedikt blickt seine Zwillingsschwester Scholastika an. Beide tragen den schwarzen Ordenshabit, beide halten Stäbe, die sie als Abt und Äbtissin ausweisen. Er schlägt gerade das Kreuz über einem Becher mit einem Gifttrank, der einer Legende zufolge daraufhin zerbrochen sein soll. Und beide halten Bücher, er ein rotes, das Regelwerk für Mönche, sie ein blaues für Nonnen. Der unbekannte Miniaturist aus Augsburg hat im 17. Jahrhundert in mittelalterlicher Tradition einen mythischen Moment festgehalten.

Das Blatt ist im Landesmuseum für Klosterkultur in Lichtenau-Dalheim zu sehen. Das Haus will mit der Ausstellung „Macht des Wortes“ die Geschichte des Benediktinerordens nachzeichnen, des ältesten Mönchsordens Europas. Die Schau entstand in Kooperation mit der Benediktinerabtei St. Paul im Lavanttal in Kärnten, wo sie zuerst gezeigt wurde und 150 000 Besucher lockte. St. Paul war einst Zufluchtsort für die Mönche des Klosters St. Blasien im Schwarzwald, das 1806 im Zuge der Säkularisierung aufgehoben wurde. Aber Fürstabt Berthold III. Rottler hatte gut verhandelt, so dass die Mönche nach Österreich ins leer stehende, weil früher aufgehobene Kloster St. Paul umsiedeln konnten. Und den klosterschatz, die Bibliothek und weitere Besitztümer konnten sie mitnehmen, so dass die Ausstattung nahezu ungeschmälert erhalten blieb.

Rund 200 zum Teil herausragende Stücke locken nach Ostwestfalen. Museumsdirektorin Julia Hallenkamp-Lumpe erklärte, dass der Orden, den Benedikt von Nursia um 540 gegründet hat, bis heute die Regeln mönchischen Lebens prägte. Mit alten Dokumenten und Büchern, kostbaren Sakralgegenständen und Gemälden, mit Plänen und Modellen führt die Schau durch 1500-jährige Geschichte der Benediktiner, von denen es heute noch 8000 Mönche und 16 500 Nonnen gibt.

Der Ursprung der Bewegung liegt in der Wüste, wohin sich Eremiten zurückzogen, um sich ganz dem Glauben zu widmen. Schon vor Benedikt gab es Klöster, aber seine in 73 Kapitel gefasste Regel wurde vorbildhaft. Ihre Essenz fasst die berühmte Formel „Ora et labora“, bete und arbeite. Auf den Reichssynoden zwischen 816 und 819 in Aachen machte Kaiser Ludwig der Fromme die bendiktinische Regel verbindlich für alle Klöster. Und wenn auch das Klosterleben immer wieder Krisen durchlebte und Reformen nötig wurden, wie zum Beispiel die Regeln der Zisterzienser, so hat Benedikt doch den Kern mönchischen Lebens geprägt.

In der Ausstellung werden viele Aspekte mönchischen Lebens dargestellt. So kann man an fast 50 Handschriften und illuminierten Folianten die Rolle der Klöster für Bildung und Kultur ablesen. Da gibt es in leuchtenden Farben prachtvoll illustrierte Messbücher, eher schmucklose Geschichtsbücher, Abschriften antiker Dichter wie Ovid und wissenschaftliche Abhandlungen wie das „Crannkenbuech“ aus dem 16. Jahrhundert, das freilich mehr Rezepte für kranke Pferde als für Menschen enthält. Natürlich werden auch Ausgaben der Benediktsregel gezeigt, dazu eine Rarität wie das „Reichenauer Schülerheft“ aus dem 9. Jahrhundert, in dem ein Schüler jener Zeit sein Wissen festgehalten hat. Und auch verbotene Bücher gab es mit Zauberrezepten und Weissagungen, die nur an ausgewählte Brüder ausgegeben wurden. In der Ausstellung sind sie in Vitrinen aus getöntem Glas mit Sehschlitzen zu betrachten.

Speziell im Mittelalter waren die Klöster Orte, an denen Wissen und Kulturgüter gesammelt und geschaffen wurden. Davon zeugen in der Schau prächtige und kostbare Exponate wie das Reichenauer Sakramentar, eine um 980 entstandene, mit feinen Malereien ausgestattete Handschrift, deren prachtvoller Einband mit seinen feinen Elfenbeinreliefs gesondert ausgestellt ist.

Erlesene Sakralobjekte wie die „Arche“ des heiligen Willibrord aus Emmerich, deren älteste Teile aus dem 11. Jahrhundert stammen, und der Trierer Willibrordus-Tragaltar mit seinen byzanthinischen Elfenbeinreliefs sind zu sehen. Aus dem Landesmuseum in Münster kamen mittelalterliche Gemälde, darunter Tafeln des Altars von Herzebrock, die der Meister von Liesborn um 1485 schuf. Einzigartig sind zwei Kaseln aus dem 12. Jahrhundert, Messgewänder, die mit biblischen Motiven bestickt waren und in denen sich der Priester sozusagen in eine wandelnde Bilderbibel verwandelte.

In der Barockzeit veränderte sich die Auffassung vom Klosterleben. Äbte traten nun auf wie Fürsten, und entsprechend setzten sie auf Repräsentation, wozu nicht nur eine üppige Ausstattung der Kirchen gehörte, sondern auch weltliche Güter. So entstanden prachtvolle Gemäldesammlungen. Aus der von St. Paul kamen Bilder nach Dalheim, darunter ein feines Porträt von Hans Sebald Beham (um 1540), Samuel van Hoogstratens „Gaukler am Fenster“ (17. Jh.), eine Ölskizze mit der Anbetung der Hirten von Rubens und eine Ruhe auf der Flucht nach Ägypten von van Dyck.

Auf große Besucherzahlen hofft auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, um dem Museum im ehemaligen Kloster Dalheim einen deutlichen Anschub zu geben. Barbara Rüschoff-Thale, Kulturdezernentin des Landschaftsverbands, gab ein Bekenntnis zum Haus ab, das als zukunftsfähiger Standort etabliert werden soll. Sie versprach, dass künftig alle zwei Jahre eine ähnlich aufwendige und publikumsträchtige Schau erarbeitet werden soll. Sie möchte in Dalheim ähnliche Erfolge feiern wie sie in Paderborn zum Beispiel die Canossa-Schau erreichte.

Quelle: wa.de

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