LWL-Museum für Kunst in Kultur in Münster zeigt „Otto Piene. Licht“

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Das größte Kunstwerk ist außen am Museum: Pienes erneuerte „Silberne Frequenz“.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER   - Lichtgespenster und Reflexionsspinnen huschen über die schwarze Wand. Den eigenen Schatten findet der Besucher nur schwer im „Lichtraum“ von Otto Piene. Der Künstler hat mit einigen einfachen Apparaten ein meditatives, körperloses Ballett geschaffen, in dem man sich verlieren kann, umtanzt von weißen Gebilden.

Der „Lichtraum Frankfurt“ gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung „Otto Piene. Licht“ im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster. Von Samstag an sind in der Retrospektive rund 70 Arbeiten des Künstlers zu sehen. Pienes Werke wurden in den letzten Jahren recht oft in Museen präsentiert.

In Münster liegt erstmals der Akzent auf den Arbeiten mit Licht. Der Künstler war dem Museum schon lange verbunden. Die erste bedeutende Auszeichnung war der Conrad-von Soest-Preis 1968, verbunden mit einer kleinen Ausstellung im Landesmuseum. Und seit 1971 schmückt eines seiner wichtigsten Werke die Fassade des damaligen, inzwischen abgerissenen und ersetzten Hauses, die „Silberne Frequenz“. Unter Aufsicht des Künstlers wurde eine restaurierte Fassung auch am Neubau installiert. Die 406 Kugeln mit Leuchtkörpern, die an die Fassade strahlen, sind nun aus Edelstahl statt aus mattem Aluminium. Und sie arbeiten mit LED-Technik. Aber die Grundidee blieb: Mit dem Licht gleichsam auf den Baukörper zu malen.

Piene wurde 1928 in Bad Laasphe geboren. Dass Licht zu einem prägenden Moment wurde, führt Hermann Arnhold, Direktor des Museums und Kurator der Schau, darauf zurück, dass der Künstler als Jugendlicher die dunklen Bombennächte des Weltkriegs in Westfalen erlebt hatte. Licht ist positiv besetzt – und in einer Traditionslinie von Leonardo über Goya bis van Gogh untersucht Piene das Medium. „Das Licht ist Lebenselement des Menschen und des Bildes“, sagte er. An der Ausstellung hat er kurz vor seinem Tod im Sommer 2014 noch mitgewirkt.

Die Schau zeigt, wie Piene schon in seinen frühen Werken immer wieder das Licht verhandelt. Zwei noch recht konventionell figürliche Linolschnitte von 1952 zeigen Giraffen in einer Steppe. Aber das eine Blatt zeigt die Tiere schwarz auf gelbem Grund, das andere kehrt die Farben um. Tag und Nacht, hell und dunkel. Ungewöhnlich auch drei Gemälde von 1955 und 1956, die Piene noch ganz in der Nähe der Nachkriegsabstraktion etwa bei Ernst Wilhelm Nay und Fritz Winter zeigen, auch wenn ein Bild schon „Lichteinfall“ (1956) heißt.

Aber fast zur gleichen Zeit erprobt Piene ganz andere Formen. Am Anfang der in Themenräumen gehängten Schau steht das kleine Gemälde „Frequenz“ (1957). Die silbergraue Bildtafel ist mit einem gleichmäßigen Raster aus Punkten überzogen. Da hatte er mit seinem Studienkollegen Heinz Mack schon die Gruppe ZERO gegründet, als klare Gegenposition zur vorherrschenden abstrakt-expressiven Malerei. In der „Frequenz“ erkennt man unschwer die Grundidee für das monumentale Außenkunstwerk am Museum. Und Piene verfolgte solche Ideen kontinuierlich weiter. Im ersten Raum hängen auch Keramiktafeln von 2006, die wieder mit Rasterpunkten spielen, diesmal aber in edlem Material, aufgetropftem Gold un Platin.

Nun beginnen Experimente, die vor allem der Darstellung und der Sichtbarmachung von Licht dienen. Piene hielt Papier und Leinwand über Flammen, um mit dem aufgefangenen Rauch zu zeichnen. Er entzündete Farben auf der Bildfläche, und die Oxidation schuf eigenwillige Muster in der Farbe wie bei „Feuerblume“ (1965) und „High Noon“ (1986) mit grellen Rot- und Gelbtönen.

Die Bilder ändern sich – und Piene befasst sich mit Apparaten, die leuchten. Am Anfang stehen klobige Konstruktionen wie „Please Turn“ (1961), eine Art beschriftetes Glücksrad aus Holz, das gelocht und von hinten beleuchtet ist. Auf der gegenüberliegenden Wand findet man schon in einfacheren Formen die Muster, die Piene einmal in den Lichträumen so magisch inszenieren wird. Und das ist ja für den Künstler die Hauptsache: nicht der Apparat, sondern die visuellen Effekte, die er erzeugt. Da erblüht die „Electric Rose“, und die „Corona Borealis“ blitzt blendend auf. Das Haus besitzt den Lichtraum „Geschichte des Feuers“. Die Lichtplastiken schuf Piene 1968 für das Bühnenbild einer multimedia-Oper, aber sie funktionieren auch bestens allein.

Man sollte nie vergessen, welch enorme internationale Strahlkraft der mehrfache documenta-Teilnehmer hatte, der seit 1968 am renommierten Massachusetts Institute of Technology in den USA lehrte. Erstmals in Deutschland sind in Münster die blauen Lichtgeister zu sehen, die er für eine Ausstellung in Teheran schuf.

Und in Videos sind seine Arbeiten im öffentlichen Raum dokumentiert. Grandios zum Beispiel der gigantische Plastik-Regenbogen, den Piene 1972 für die Abschlussfeier der Olympischen Spiele in München schuf. Ein Film von Peter Schamoni zeigt, wie das bunte Friedenszeichen nach dem blutigen Terroranschlag in harter Arbeit verwirklicht wurde.

Otto Piene. Licht im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster.

Freitag ab 22 Uhr, bis 22.9.,

di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0251/ 5907 201,www.lwl-museum-kunst-kultur.de

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 32 Euro

Quelle: wa.de

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