Das LWL-Landesmuseum widmet sich in „Passion Leidenschaft“ den Gefühlen in der Kunst

Was bewegt den „Fanatiker“, als den sich Maximilian Klewer selbst porträtierte? Zu sehen ist das Bild in Münster.

Münster – Mit aufgerissenen Augen starrt Maximilian Klewer den Betrachter an. Den Mund hat er geöffnet. Wird er gleich eine Parole herausschreien? Die verkrampfte Hand steht für aufgewühlte Gefühle ebenso wie die elektrisiert aufgerichteten Haare. Man kann dieses Selbstporträt nicht recht einordnen. „Der Fanatiker“, so lautet der Titel. Klewer hat es 1919 gemalt, 1937 überarbeitet. Hat er darin die Traumata verarbeitet von Kriegserschütterung und Diktatur? Oder genoss er die überdrehte Pose?

Heute berührt das Bild durch die Schwebesituation zwischen heftigen Gefühlen und (vielleicht unfreiwilligem) Humor. Es wirkt in dieser Unentschiedenheit sehr modern. Zu sehen ist es im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster. In der Ausstellung „Passion Leidenschaft“ geht es mit 150 Exponaten darum, wie die Kunst Gefühle abbildet und auslöst.

An diesem Prestigeprojekt hat das Team um Kuratorin Petra Marx mehr als drei Jahre gearbeitet. Wegen Corona drohte eine Verschiebung. Aber der Landschaftsverband Westfalen-Lippe zog das Unternehmen durch, auch wenn wegen der Hygienevorschriften nicht die erhofften Spitzenbesucherzahlen erreicht werden. „Digital ist kein Ersatz“, unterstrich Museumsdirektor Hermann Arnhold den Willen des Hauses, wieder präsent zu sein.

Liebe und Hass, Begehren und Eifersucht, Neid und Hass bilden von den Anfängen an den Stoff, aus dem Bilder geschaffen werden. Den Besucher empfängt die antike Laokoon-Gruppe. Natürlich ist in Münster nicht das Original zu sehen, sondern ein moderner Abguss. Das mindert nicht die Wirkung der berühmten lebensgroßen Figurengruppe, die so expressiv von Schmerz und Verzweiflung handelt.

Sechs Ausstellungskapitel fächern die Breite der Emotionen auf. Im ersten Saal erhält man eine Übersicht. Die „Madonna mit den Kirschen“ (um 1520/25) aus der Werkstatt des flämischen Renaissance-Meisters Quentin Massys zeigt innige Mutterliebe, wenn Maria das Christkind küsst. Eine nackte Gesellschaft in rauschhafter Feierlaune schildert Lovis Corinth in seinem Gemälde „Bacchanale“ (1896). Er blendet nicht aus, dass solche Lust in Gewalt umkippen kann: Im Vordergrund tritt eine Mänadin auf einen Mann ein, der das wilde Treiben belauschte, und sie verdreht seinen Arm. Otto Gutfreunds Bronze „Angst“ (1911) gibt einer anderen Empfindung zwingende Gestalt. Unbeschwerte Lebensfreude strahlt Ernst Ludwig Kirchners Spätwerk „Farbentanz I“ (1932) aus.

Kuratorin Petra Marx griff auf alte Theorien zurück bis zur Lehre der elf Affekte, die der griechische Philosoph Aristoteles unterschied. So finden sich in der Schau Texte großer Denker darüber, in welche Ordnung man die Gefühle bringen kann, zum Beispiel vom Kunsttheoretiker Roger de Piles und von René Descartes.

Tafeln aus der französischen Encyclopédie (1762/77), einem Hauptwerk der Aufklärung, zeigen musterhaft Köpfe mit Gefühlsausdrücken wie „Verwunderung, Erstaunen, Ehrerbietung, Verzückung“. Der Hofmaler und Akademiegründer Charles Le Brun (1609–1690) gehörte zu den Vordenkern, die menschliche Emotionen einem systematischen, rationalen Zugriff zugänglich machen wollten. Solche Ordnungsansätze schildert die Schau mit grandiosen Werken wie den aus Blei gegossenen Köpfen (um 1780) Franz Xaver Messerschmidts: „Innerlich verschlossener Gram“ ist bestimmt von herabgezogenen Mundwinkeln, angespannter Muskulatur, einer tief gefalteten Stirn. Der französische Neurologe Guillaume-Benjamin Duchenne (1806–1875) versuchte, die Gemütsbewegungen abzubilden, dass er Gesichtsmuskeln elektrisch reizte.

Derartige Versuche, Gefühle ordnend und analytisch zu erfassen, schlugen sich auch in großer Kunst nieder. Überraschend ist zum Beispiel die Rekonstruktion einer antiken Komödienmaske durch Gérard Seiterle und Marianne Benz von 2006: Das Gebilde aus Ziegenbockfell wirkt befremdlich, aber auch ansteckend fröhlich. Berührend fing ein mittelalterlicher Schnitzer das Lächeln einer Heiligen in einer Reliquienbüste ein (14. Jh.). Ein furioses Drama von Gewalt, Wut, Klage und Verzweiflung bildet der „Bethlehemitische Kindermord“ (nach 1611/12) aus der Werkstatt von Peter Paul Rubens. Die biblische Szene ist mit schockierender Drastik geschildert.

Ein Kapitel der Schau ist den Spielarten der Liebe gewidmet. Der Tintoretto-Schüler Paolo Fiammingo zeigt in seinem Gemälde „Die Frucht der Liebe“ (1585/89) anhand von sechs kopulierenden Paaren, wie Männer erfolgreich Frauen verführen. Dieses Rollenverständnis nennt Kuratorin Marx befremdlich. Das erstaunlich große Werk wurde für die private Schaulust des Augsburger Kaufmanns Hans Fugger geschaffen. Daneben läuft das raffinierte Video „The Morphology of Desire“ (1998) von Robert Arnold, der aus Titelbildern von Groschenromanen das verblüffende Schauspiel eines sich umarmenden Paares schuf. Mit Computerhilfe lässt er ein Bild ins nächste übergehen, so dass Kleidung und Haarfarbe wechseln, aber die Zärtlichkeit nie endet.

Passion nennt man aber auch den Leidensweg Christi, dem ebenfalls ein Kapitel mit sakraler Gefühlskunst gewidmet ist. Höhepunkt ist hier ein barocker „Christus an der Geißelsäule“ (1697), dem der Meister IPS buchstäblich die Haut abfetzte, ein erschütterndes Zeugnis brutaler Gewalt. Verstörend ist ebenfalls eine „Pietà“ (2007/08) von Berlinde de Bruyckere, die den Leib des toten Christus als kopf- und armlosen Torso auf einem weichen Federbett zeigt. Daneben sieht man eine Beweinung Christi von Anthonis van Dyck (um 1618/20), auf die sich die belgische Bildhauerin bezieht.

Gefühle sind auch Stoff für politische Kunst, sei es in Käthe Kollwitz‘ expressivem Plakat „Nie wieder Krieg“ (1924) mit dem jungen Mann, der den Schwurarm hebt, sei es im Werbeplakat der DDR-CDU (1946) mit der jungen Frau, die ekstatisch nach oben blickt wie die Heiligen auf Barockgemälden. Da findet man das Foto mit dem Bruderkuss von Breschnew und Honecker (1979). Und Martha Rosler zeigt das Wesentliche an US-Präsident Trump in einer Fotomonage. Da „schießt“ der Macho-Politiker mit dem Finger auf den Betrachter.

Ein unerschöpfliches Thema ist in Münster als ebenso aufregender wie berückender Bild- und Skulpturenessay ausgebreitet.

Bis 14.2.2021, di – so 10 – 18, jeden zweiten Freitag im Monat bis 24 Uhr,

Tel. 0251/ 5907 201,

www.passion-leidenschaft. lwl.org

Katalog, Deutscher Kunstverlag, Berlin, 48 Euro

Quelle: wa.de

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