Lukas Linders „Der Mann aus Oklahoma“ bei den Ruhrfestspielen

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Detektiv mit Tornister: Szene aus „Der Mann aus Oklahoma“ mit Jonas Hien (links) und Felix Axel Preißler.

Von Edda Breski RECKLINGHAUSEN - Wer in den 90er Jahren zur Schule gegangen ist, hatte vielleicht auch eine Astrid in der Klasse: Haarreif, Brille, unschmeichelhafter Sportpulli, gut in Französisch. Definitiv keine von den Coolen. Cool ist auch Fred nicht, der planlos und verschwitzt durch Katastrophen irrt, sich seiner Lehrerin erwehrt und vom neuen Freund seiner Mutter bedrängt wird. Der stopft Fred einen Schnuller in den Mund und will ihm seine erotischen Stiche zeigen: Schüler-Albträume, wild in eine bunte Tüte gesteckt.

Für sein Stück „Der Mann aus Oklahoma“ hat der 31-jährige Schweizer Autor Lukas Linder den Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker erhalten. Die Auszeichnung wird unter anderem von den Ruhrfestspielen vergeben. Das Schauspiel Leipzig hat das Stück in Kooperation mit dem Festival produziert, uraufgeführt wurde es in der Halle König Ludwig 1/2 in Recklinghausen.

Der 13-jährige Fred, seine Mitschülerin Astrid, die Mutter mit dem Charme einer Kreissäge – alle werden gespielt von Erwachsenen, was der Sache einen leicht albernen Witz gibt. Felix Axel Preißler, den Tornister auf dem Rücken, setzt einen gut dosierten Welpenblick ein. Er kann Freds Wechsel zwischen Spiel und Tagtraum mit kindlicher Unbefangenheit vermitteln.

Freds Vater ist verschwunden. Jetzt glaubt Fred ihn überall als Saxophonspieler (Simon Bodensiek) zu sehen. Sein Vater ist der Coolste, ein Held, als „Mann aus Oklahoma“ eine Chiffre für Freds Tagträume von Coolness und Beliebtsein. Fred spielt außerdem ein Rollenspiel, in dem er „Ray“ ist, ein abgebrühter Ermittler. Linder setzt im Stück häufig die Lakonik von Hardboiled-Romanen ein. Gekoppelt mit der Schüler-Thematik ergibt das eine nützliche Pointenquelle. Natürlich geht es dauernd um Sex, Fred ist ja in dem Alter, in dem es losgeht mit den Mädels. Auf Vater-Jagd bricht er mit Astrid (Runa Pernoda Schaefer) in ein Haus ein. Als sie ihn knuddelt, guckt er aber behämmert. So weit ist er noch nicht.

Linder macht Tagträume zur Realität, Realität zur Groteske. Die Inszenierung von Marc Lunghuß greift das mit gut platzierten, trotz gewisser Vorhersehbarkeit wirksamen Gags auf. Zum Beispiel, wenn der Erotomane Ehrlicher (Jonas Fürstenau spielt außerdem den prügelnden Mitschüler Mikey) in einer Sexszene mit Freds Mutter im Schritt einen gummibootroten Flamingo trägt. Auf die Bühne hat Tobias Schunck ein Aufklapp-Puppenhaus in altmodischer Schulflur-Kieseloptik gestellt. Es erinnert als Boulevard-Theater, wenn hinter Klappen Zimmer erscheinen und Köpfe unvermittelt herausblicken.

„Der Mann aus Oklahoma“ ist eine Tragikomödie über das nicht überwundene Kindsein. Zwischen Vater-Suche und Tagträumen vom Hardboiled-Detektiv geht es um die Suche nach der Identität, die das Kind nicht mehr, der künftige junge Mann noch nicht hat. Die Eltern sind keine Vorbilder, von Freds Schreckschraube von Mutter bis zu Astrids sprücheklopfendem Vater.

Auf Textebene verwischt Linder durch gekonnte Wechsel von Gags und wechselnden Dialogebenen die Grenze zur Groteske. Inhaltlich bleibt aber etwas zu wünschen übrig. Linders Handwerk ist gut, aber auf der Bühne ist, trotz all der Comedy und der Tragik, gelegentlich nicht mehr als eine Folge von Bildern zu sehen, die der Zuschauer, trotz ihrer Verzerrung, aus seiner Jugend wiedererkennt – wie im Pennälerfilm.

11.6., Tel. 02361/ 92 180, www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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