Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zeigt „British Pop Art“

Spielangebot für Betrachter: Eduardo Paolozzis „Secret of the Internal Combustion Engine“ (1967) ist in Oberhausen zu sehen. Foto: Museum/ © Trustees of the Paolozzi Foundation

Oberhausen – Eduardo Paolozzi spielt Quartett: Viermal zeigt er das Gesicht einer Frau mal nachdenklich, mal mit Kussmund, mal erschrocken. Darunter sieht man in Zylinder eines Motors. Darunter erkennt man Figuren Walt Disneys, Donald, Mickey und Pluto, freilich nicht die Original-Comic-Helden, sondern verfremdet, als blicke man auf Negative. Der Siebdruck „Secret of the Internal Combustion Engine“ (1967) fordert den Betrachter zum Spielen auf. Das Blatt will gelesen sein, als wäre es ein Comic Strip.

Zu sehen ist es von Sonntag an in der Ausstellung „British Pop Art“ in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Zum zweiten Mal hat Museumsdirektorin Christine Vogt sich aus der reichen Sammlung Heinz Beck bedienen können, die im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen verwahrt wird. Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Beck (1923–1988) hat Pop Art gesammelt. Für Gemälde und Skulpturen reichte sein Budget nicht, darum konzentrierte er sich auf Grafik und Multiples. Das ist kein Nachteil: Die Lust an Collage und Montage, die Auseinandersetzung mit der Konsum- und Medienwelt lässt sich in den Reproduktionsmedien wie dem Siebdruck geradezu idealtypisch umsetzen. Rund 130 Arbeiten zeigt das Museum.

Für die meisten Kunstfreunde ist Pop Art mit den USA verbunden, mit Namen wie Warhol, Lichtenstein, Rosenquist. Tatsächlich waren die Briten früher, unterstreicht Christine Vogt. Schon 1952 gründete sich die „Independent Group“ am Institute of Contemporary Arts in London. Es wurde zur Keimzelle, hier hielten Paolozzi und Richard Hamilton Vorträge. Hamilton gilt als „Vater der Pop Art“, nicht zuletzt wegen seiner Collage „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“, die 1956 mit Bildelementen der Werbung eine Art Gründungsdokument der Pop Art wurde. In Oberhausen ist die thematisch verwandte Collage „Interior“ (1964/65) zu sehen, in dem er mit Schnipseln aus Zeitschriftenreklame das moderne Lebensgefühl abbildet.

Die berühmten US-Kollegen betrachtete Paolozzi kritisch: Im Blatt „Pop Art Redefined: Lots of Pictures – Lots of Fun“ (1971) lässt er einen Comic-Elefanten serienweise US-Flaggen malen, die Pinsel stecken in einer Warholschen Suppendose, mit dem Rüssel hält er eine Packung Dosenfleisch, Spam. Das ist böse, aber trifft insoweit, als die Briten oft rauer, ungefälliger arbeiten. Bei der Bikini-Schönheit „Sandra“ von Gerald Laing (1968) löst sich der weibliche Körper in eine Wolke von Rasterpunkten auf, der in dem massiven Gelb geradezu zerstäubt. Und anders als bei dem US-Künstler Roy Lichtenstein zerlegte Laing seine Motive nicht mit technischer Hilfe, sondern setzte Punkt für Punkt mit der Hand. Richard Hamilton montiert 1968 ein Gebiss auf eine elektrische Zahnbürste : „The critic laughs“, der Kritiker lacht oder auch die kritischen Lacher. Paolozzi collagiert 1970 Kinder, eine Pastete, einen Teddybär und einen Hund und nennt das Werk „Why Children Commit Suicide ... Read Next Month’s Issue“, eine Attacke auf eine sensationslüsterne Medienwelt. Joe Tilson widmet dem kubanischen Revolutionär Che Guevara eine Gedenktafel: „Letters from Che...“ (1969), bei der der Siebdruck um materielle Beigaben wie einen roten Faden ergänzt wurde. Jedes der 100 Exemplare des Auflageobjekts ist ein wirkliches Materialbild.

Die Oberhausener Schau vereint Werke von berühmten Meistern und fast vergessenen. Die suggestive Handschrift des Malers David Hockney ist auch in Radierungen wie dem lasziven „Jungle Boy“ (1964) unverkennbar, wo er einen Mann mit einer überdimensionalen phallischen Schlange konfrontiert. Allen Jones befasst sich immer wieder mit dem weiblichen Körper, in der Lithografie „Janet is wearing...“ (1965) fächert er unter einem Lampenschirm Frauenbeine in High Heels auf. Ein weibliches Dekolletée wird bei ihm zum Kunststoff-Relief „Chest“ (1968). R. B. Kitaj greift mit „Heart“ (1966) in die Kulturgeschichte, montiert Noten von Edward Elgar, Zitate von Claude Monet und Jack London und Fotografien zu einem beziehungsreichen Puzzle. Daneben stehen Arbeiten von Künstlern wie Patrick Caulfield, der reduzierte Stillleben schuf, und John Salt, der Schrottautos als Motiv wählte.

Ein eigener Bereich der Schau ist den Beatles gewidmet. Immerhin zwei Alben der Fab Four wurden von bedeutenden Pop-Künstlern gestaltet. Für das Cover der LP „Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ versammlete Peter Blake allerlei Prominente aus der Kulturgeschichte und der Gegenwart, vom Guru Sri Yukteswar Giri über Karl Marx bis zu Marlene Dietrich. Man sieht allerlei Varianten, auch Kopien und Frank Zappas Reaktion, der ein eigenes Album optisch dem der Beatles nachempfand. Titel: „We’re Only In It For The Money“ (Wir machen’s nur für das Geld). Das „White Album“ wiederum wurde von Richard Hamilton entworfen. Hinzu kommen Fotos, die Rudolf Holtappel 1966 beim Auftritt der Beatles in der Essener Grugahalle aufnahm. Ein abgerundeter Blick in ein spannendes Kapitel Kunstgeschichte.

Bis 12.5., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0208 / 412 49 28, www.ludwiggalerie.de,

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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