Von Lucas Cranach bis Wilhelm Trübner – Meisterwerke in Paderborn/Schloss Neuhaus

+
Liebesversprechen: Das Bildnis von Berthold V. Tucher und Christina Schmidtmayer ist in Paderborn zu sehen. ▪

PADERBORN–Der Außenwelt hat das Paar den Rücken zugewandt. Auf diesem Bild geht es nur um sie: Berthold V. Tucher und Christina Schmidtmayer. Von Ralf Stiftel

Der Nürnberger Patrizier reicht gerade seiner Braut den Ring. Der unbekannte Meister, der das Gemälde um 1484 schuf, hat die Eheleute so dicht aneinander gerückt, als wolle er sie zu einem Körper vereinen. Obwohl sie frontal zum Betrachter stehen, wenden sie ihre Blicke dem Partner zu.

Das Werk ist in der Städtischen Galerie in der Reithalle in Paderborn Schloss Neuhaus zu sehen. Es ist das älteste Werk der Ausstellung „Von Lucas Cranach bis Wilhelm Trübner – Meisterwerke der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau“. Die Schau bietet die seltene Gelegenheit, grandiose Altmeister in der Region zu bewundern. Nicht nur das Hochzeitsbild, sondern auch Werke von Lucas Cranach, Bartholomäus Bruyn, Pieter Breughel.

Die Anhaltische Galerie im Schloss Georgium geht auf Herzogliche Sammlungen zurück. 1927 richtete der damalige Freistaat Anhalt im Schloss Georgium das Museum ein, das heute rund 1500 Gemälde beherbergt. Der Schwerpunkt liegt bei den Alten Meistern, vor allem altdeutscher und niederländischer Malerei, aber es gibt auch beträchtliche Werkgruppen aus der Romantik und aus dem 20. Jahrhundert. Das Schloss, das auf der Welterbe-Liste der Unesco steht, wird saniert. So ergab sich die Gelegenheit, eine Auswahl auf eine kleine Tournee zu schicken. Die Städtische Galerie ist erste Station, ihre Leiterin Andrea Wandschneider hat die Schau mit dem Dessauer Museumsleiter Norbert Michels zusammengestellt. 100 Bilder bieten natürlich eine begrenzte Auswahl, zumal Hauptwerke der Sammlung wie zwei Altäre von Lucas Cranach schon aus praktischen Gründen nicht entliehen wurden. Auch um der Geschlossenheit willen konzentriert sich die Auswahl auf Bilder vom Menschen und seiner Lebenswelt, Stillleben fehlen, obwohl Dessau auch da einiges zu bieten hat. Der Bilderschatz lohnt allemal einen Besuch.

Das gilt aber auch für die Auswahl in Paderborn. Nicht alle Bilder sind Meisterwerke, drei Tafeln aus einer Serie der fünf Sinne von Geldorp Gortzius (um 1595) wirken zum Beispiel ungeschlacht. Aber schon vor der ersten Wand mit altdeutschen Porträts möchte man niederknien. Das Männerbildnis von Bartholomäus Zeitblom (um 1500), ein Charakterkopf. Der Künstler zog jedes graue Barthaar mit feinstem Pinsel einzeln. Dann das Bildnis des Hans Hutz (um 1505/ 1510), eines Ulmer Kaufmanns, dessen Maler unbekannt ist und den Notnamen „Meister des Hutz-Bildnisses“ erhielt. Wie fein er die Augenpartie durchgestaltete, die Falten und Wülste, wie er die dunklen Bartstoppeln hintupfte, wie er den Hals formte, das ist virtuoser Realismus, der nichts beschönigt. Reich war Hutz, das zeigt sein Pelz, fromm war er, darum hält er uns den Rosenkranz hin.

Das Schönste an dieser prachtvollen Schau sind ja nicht einmal die drei Werke von Lucas Cranach d.Ä., darunter ein berührendes Porträt von Margarethe von Österreich (um 1530). Oder die herrlich lebendige Dorfszene „Das Pfingstbraut-Spiel“ (um 1620/23) von Pieter Breughel d.J., wo man den Knaben fiedeln und die Köter kläffen zu hören glaubt. Dass die Stars malen konnten, erwartet man. Aber hier wird man immer wieder überrascht von Meistern, die man noch nicht kannte. Große Porträtkunst sieht man bei mehreren niederländischen Doppelbildnissen. Wer kennt heute noch Nicolas Neufchatel, einen Flamen, der wegen seiner calvinistischen Überzeugungen nach Nürnberg floh? Von ihm stammen die Bildnisse eines 45-jährigen Mannes in pelzverbrämtem Gewand und einer Frau (1567), offenbar ein Kaufmanns-Ehepaar, und besonders den Mann hat Neufchatel geradezu tiefenpsychologisch durchdrungen. Allerliebst sind zwei Bildnisse von Kindern in Brokat und Spitze, von einem anonymen Meister um 1620 gemalt. Wuselige Stadt- und Dorfansichten laden zum Eintauchen in eine ferne Welt ein, eine Hendrick Averkamp zugeschriebene Winterlandschaft mit Eisläufern (1622), und den großen Platz von Lier eines unbekannten Flamen (um 1600/1630).

Eine im Ursprung fürstliche Sammlung wartet natürlich mit Familienbildern auf. Adriaen Hanneman zeigt Johann Georg II Fürst von Anhalt-Dessau (1666) in schimmernder Wehr, mit dem Feldherrnstab, und im Hintergrund blickt man auf Schlachtgetümmel. Johann Friedrich August Tischbein zeigt um 1797/98 die Erbprinzessin Christiane Amalie als Schwärmerin mit lässig umgeworfenem Tuch.

Es gibt Werke der Romantik wie Friedrich Wilhelm von Schadows Bild der „Kinder Schöning“ (1822) und Joseph Anton Kochs „Aaretal bei Unterseen“ (1813). Wilhelm Trübner malte 1875 einen putzmunteren Schusterjungen, der auf der Straße salutiert. Und das letzte Bild der Schau weist in die Moderne: eine gelb dominierte abstrakte Farbfläche Fritz Winters (1922), in die der westfälische Maler „Das blonde Mädchen“ einritzte.

Die Schau

Eine traditionsreiche Gemäldegalerie wird mit einer feinen Auswahl vorgestellt: Von Lucas  Cranach bis Wilhelm Trübner in der Städtischen Galerie in der Reithalle, Paderborn Schloss Neuhaus.

Bis 21.4., di - so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251 / 88 10 76, http://www.paderborn.de/kultur.

Katalog 24,80 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare