Louisiana Museum in Dänemark stellt Gabriele Münter aus

Gabriele Münters Gemälde „Stillleben vor dem gelben Haus“, 1953, derzeit im Louisiana Museum Humlebaek. - Fotos (2): Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

HUMLEBAEK Der Blick aufs Meer ist vielleicht das wichtigste Schaustück des Louisiana Museums für Moderne Kunst in Humlebaek. Jährlich pilgern Kunstinteressierte aus aller Welt zu diesem einmaligen Institut nahe Kopenhagen. Über 500 000 Menschen wollen die Fusion von Moderne und Natur jedes Jahr erleben. Sie betreten die alte Villa, die über Jahrzehnte beidseitig mit Gebäude- und Raumfolgen erweitert wurde und so ein kreisförmiges Areal bis zum Öresund einnimmt. Es ist ein wunderbarer Ort.

Zu sehen sind Klassiker der Moderne wie Francis Bacon, Jean Dubuffet, Sam Francis, Giacometti, Picasso, Rauschenberg, Warhol und Beuys, aber auch zeitgenössische Kunst wie abstrakte Arbeiten von Gerhard Richter, figurative Bilder von Peter Doig, Fotografien von Andreas Gursky, technische Installationen von Olafur Eliasson, Fotoporträts von Rinke Dijkstra.... Das Publikum soll direkt angesprochen werden von der Kunst, der Kunst auf Augenhöhe begegnen, ist ein Anspruch des Museums. Knud W. Jensen (1916–2000), der Gründer des Louisiana (1958), sagte: „Kunst muss im aktuellen Leben verankert sein.“ Und er postulierte das „Sauna-Prinzip“. Heiß und kalt bedeutete für den Fabrikanten und Sammler, dass zu den Klassikern weniger bekannte Positionen Platz finden.

Zum 60. Geburtstag des Hauses stehen sieben Sonderausstellungen für 2018 auf dem Kalender. Höhepunkt ist die große Gabriele Münter Ausstellung, die das Lenbachhaus in München kuratierte. Die Künstlerin (1877–1962), die zur Gruppe des Blauen Reiters zählte, hatte von 1915 bis 1920 in Kopenhagen und Stockholm gelebt. Sie stellte ihre expressiven Bilder in Skandinavien aus. Zwar organisierte sie 1918 mit über 100 Gemälden, 20 Hinterglasbildern und Zeichnungen ihre größte Einzelausstellung überhaupt in Kopenhagen, aber das Interesse an ihrer Kunst blieb gering. Das ist heute in Dänemark ganz anders. Allein in den ersten vier Wochen sahen bereits 70 000 Besucher die Ausstellung „Gabriele Münter – Malen ohne Umschweife“ im Louisiana.

Den Namen Louisiana hatte Jensen vom Erbauer der Villa übernommen. Der Offizier und Imker Alexander Brun (1814-93) war dreimal verheiratet. Seine Frauen hießen alle Louise. Jensen selbst wollte dänische Kunst zeigen und den Dänen moderne Kunst näher bringen. Er übernahm in einem zweiten Schritt die Strategie des Museum of Modern Art in New York, dem MoMA. Bildende Kunst wurde um kulturelle und ethnografische Ausstellungen erweitert. Mittlerweile zählen Literatur, Musik und öffentliche Debatten zum Themenfeld des Louisiana Museums.

Der moderne Anspruch des Hauses hatte eine Eigendynamik. Eigentlich wollte Knud W. Jensen nur einen geschützten Gang von der Villa durch den Park zum Pavillon am Meer bauen lassen. Dann traf er auf die dänischen Architekten Jørgen Bo und Vilhelm Wohlert. Sie schlugen vor, dass sich die Gebäude zu einem Gang durch den Park verbinden. Ihre Idee war von einer Holzbauweise inspiriert, die sie aus der Bucht von San Francisco kannten, und sie kombinierten die schlichte Tradition japanischer Architektur mit dem eleganten dänischen Stil. Heute schmiegen sich die Gebäude mehrgeschossig in die hügelige Uferlandschaft und bieten herrliche Ausblicke. Nach wie vor wird der Komplex erweitert. Es dominieren weiße Wände und hölzerne Decken. Baustrukturen sind sichtbar, große Glasscheiben wirken leicht und transparent. Die Böden sind mit tiefroter Keramik gefliest. Jørgen Bo (1919–1999) und Vilhelm Wohlert (1920–2007) haben hierzulande das Gustav Lübcke Museum (1993) in Hamm und das Museum Bochum (1983) entworfen.

Louisiana-Direktor Poul Erik Tøjner, studierter Philosoph, führt ein offenes demokratisches Haus, das sich von einem Privatmuseum zu einem staatlich unterstützten Kulturinstitut entwickelt hat. Es ist eins der ersten Adressen für Moderne in Europa. Die Sammlung umfasst 4000 Exponate. Installationen wie „Gleaming Lights of the Souls“ von Yayoi Kusama zählen seit 2008 dazu. Die Japanerin hat zahllose Lampen vor Spiegelflächen in einem Raum installiert. Wer die Plattform inmitten einer Wasserfläche betritt, findet sich in einem Kosmos wieder.

Gabriele Münter ist für die Absicht des Louisiana, moderne Kunst zu vermitteln, ein Glücksfall. Einerseits wird eine maßgebliche Künstlerin des 20. Jahrhunderts präsentiert, die im Norden noch relativ unbekannt ist, und andererseits wird ein Forschungsstand vermittelt, der die Münter neu bewertet. Bisher galt sie als Kandinskys Verlobte und Schülerin. Und obwohl Kandinsky selbst gesagte hatte, „du hast alles von Natur“, war ihre „schöpferische Begabung“ – 1916 attestiert – bald vergessen, fand die Kunsthistorikerin Karoline Hille heraus. Mit einem Fotoporträt von 1926 wird die Künstlerin als selbstbewusste Frau mit Zigarette in Humlebaek vorgestellt. Zwar gab Kandinsky ihr 1902 den Impuls, im Freien zu malen, aber Gemälde wie „Bildnis Marianne von Werefkin“ (1909) belegen, wie eigenständig die Münter war. Sie baute die Figur ganz aus Farbe auf. Es ist ein Porträt ihrer Freundin, die mit Jawlensky liiert war und ihre Maltätigkeit einstellte. Münter, seit 1903 verlobt, tat dies nicht. Sie blieb auf der Höhe der Zeit, war bestens vernetzt.

Gabriele Münter reiste ab 1899 zwei Jahre mit ihrer Schwester durch die USA. Sie fotografierte mit einer Kodak-Kamera Alltagsszenen und Landschaften. Sie schulte ihre Bildauffassung und brachte 400 Fotografien mit. Eine neue Erkenntnis, die die Ausstellung belegt.

Die Retrospektive mit über 140 Bildern, die bereits in München zu sehen war, ist die erste große Ausstellung zu Gabriele Münter seit 25 Jahren. Ab 15. September wird das Oeuvre im Kölner Ludwig Museum präsentiert.

Bis 19. 8.; di-fr 11–22 Uhr, sa/so 11–18 Uhr; Tel. +45/49190719; www.louisiana.dk; Gammel Strandvej 13, 3050 Humlebaek, Dänemark

Quelle: wa.de

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