Loriot-Sketche am Westfälischen Landestheater

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Erfolgreich beim Jodeldiplom: Szene aus dem Loriot-Abend in Castrop-Rauxel mit Julia Gutjahr, Burghard Braun und Guido Thurk (von links).

Von Carmen Möller-Sendler

Castrop-Rauxel - Wenn der Lehrer im grauen Lodenanzug mit feschem grünem Kragen den Raum betritt, seine Schüler mit einem munteren „Hollerididudel!“ begrüßt, und die Klasse antwortet im Chor mit „Holleridudödel!“ – dann ist schätzungsweise 80 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sofort klar, dass es sich dabei um Loriots legendären „Jodeldiplom“-Sketch handelt.

Gleich wird Musterschülerin Frau Hoppenstedt dem Radioreporter erklären, warum sie das tut: „Dann hab ich was Eigenes! Ich habe ein Jodeldiplom!“

Das Jodeldiplom ist ein gutes Beispiel dafür, wie Deutschlands wohl bekanntester Humorist seit den Zeiten ausschließlich öffentlich-rechtlichen Fernsehens die Gesellschaft geprägt hat. Die Fähigkeit des 2011 verstorbenen Großmeisters Vicco von Bülow, Alltagssituationen zu beobachten, leicht überzogen wiederzugeben und damit humoristisch zuzuspitzen, überzeugt auch auf der Bühne. Im Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel beweist dies Regisseur Gert Becker mit sechs Mitgliedern seines Ensembles. Knapp 20 Sketche, bekannte und weniger bekannte, bringen Burghard Braun, Vesna Buljevic, Julia Gutjahr, Bülent Özdil, Felix Sommer und Guido Thurk ohne Verluste vom Fernsehen auf Bühne. Im Gegenteil: Während Loriots Charaktere im Fernsehen zuweilen etwas dümmlich – eben zweidimensional – rüberkommen, wird hier das alltägliche Drama der meist stereotypen Figuren so richtig plastisch.

Ein großer Teil des Publikums könnte sicher jeden neuen Sketch Wort für Wort mitsprechen, begnügt sich aber damit, Wiedererkanntes – und dazu genügt oft schon die Szenerie, bevor der erste Satz gesprochen ist – mit einem „Ah“ oder erwartungsfrohem Gelächter zu begrüßen. Szenenwechsel erfolgen über die unspektakuläre, zweiseitige Drehbühne mit schlichter Zimmertür in der weißen Trennwand. Das minimalistische Bühnenbild hält sich an die Vorlagen und die Zeit, in der die Sketche entstanden sind. So zieren Kofferradio und graues Wählscheibentelefon den Schreibtisch von Herrn Lindemann, dem Chef der Vereinigten Trikotwerke, der nach 15 schmachtend verbrachten Jahren verzweifelt seiner ebenso verklemmten Sekretärin näherzukommen sucht. Ein kleines rotes Auto, bei dem sich sofort im Publikum die Hälse recken, und eine altertümliche Parkuhr reichen aus, um den Sketch der pflichtbewussten Politesse zu dekorieren, die sich in Erklärungsnot, warum sie dem vermeintlichen Parksünder aus eigener Tasche einen Groschen in die Uhr geworfen hat, aufs Köstlichste in ihren Schilderungen verheddert. Ebenso wie Lottogewinner Erwin Lindemann, 66 Jahre alt und Rentner, der vor laufender Kamera erklären soll, was er mit dem Geld vorhat.

Selten wurde eine Konfliktlösung so vergnüglich in Szene gesetzt wie in Loriots legendären Badewannen-Sketch. Selten der graue Ehealltag so treffend wie im Dialog des Mannes, der „einfach nur hier sitzen“ will, mit seiner übereifrigen Frau. Loriot-Klassiker, die in Castrop-Rauxel ebenso wenig fehlen wie der erbitterte Streit um einen Kosakenzipfel, die Härte des Frühstückseies und die Frage, ob man sich von einem kaputten Fernseher vorschreiben lassen darf, wann man ins Bett geht.

Ein gut zweistündiger, unterhaltsamer Fernseh-Abend in 3D, live und in Farbe. Wärmstens zu empfehlen, und das nicht nur dann, wenn der Fernseher mal kaputt ist.

6., 7.7., 16. – 21.9.,

Tel. 02305 / 97 80 20; www. westfaelisches-landestheater.de

Quelle: wa.de

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