Lorin Maazel und die Münchner Philharmoniker in Essen

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Lorin Maazel dirigiert die Münchener Philharmoniker in der Essener Philharmonie. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ ESSEN–Die Deutschromantiker vom Dienst wurden die Münchner Philharmoniker unter ihrem früheren Chefdirigenten Christoph Thielemann. Der neue Mann am Pult, Lorin Maazel, verfeinert den glumenden Glanz noch weiter. Zum Saisonauftakt der Philharmonie Essen dirigierte der 82-Jährige knapp zwei Wochen nach seinem Amtsantritt Schubert, Wagner, Strauss.

Drei Werke, die zu ihrer Zeit Klang und Form entgrenzten. Und die dem besonderen Münchner Ton Raum geben: den unübertroffen homogenen Streichern, die bei aller Flächigkeit und Fülle in den einzelnen Gruppen immer tiefenscharf bleiben, dabei filigran und geschmeidig wie im Nebenthema des ersten Satzes von Schuberts Sinfonie Nr. 4, der „Tragischen“. Hier gibt es die einzigen kleinen Unausgewogenheiten, wenn der mächtige Streicherapparat die Bläser überwölbt.

Maazel sucht nicht das Schroffe, liest nicht gegen den Strich, sondern zelebriert Grandiositäten. Schuberts Sinfonie lässt er im zweiten Satz mild und sanglich atmen, im Finale sogar heroisch strahlen. Richard Wagners Vorspiel und „Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ bewegt der Amerikaner in präzise gesteuerten Erregungszuständen – da brizzelt das helle Unisono, aufwallende Leidenschaften beschleunigen den Puls. Auch durch Richard Strauss‘ Tondichtung „Also sprach Zarathustra“ bahnt Maazel einen zielgerichteten, erfahrungssatten Weg. Den großen Themen und Linien wendet er sich zu, nicht den Klüften und dynamischen Extremen zwischen kammermusikalischem Geigengemurmel und wuchtverstärktem Großformat mit Orgel, schwerem Blech und Glockenhall.

Maazel agiert wie in einer Quigong-Übung, dirigiert breitbeinig, oft mit geschlossenen Augen oder entrücktem Blick. Eine Partitur benötigt er hier nicht. Den Taktstock zirkelt er mit der rechten Hand, und mit der Linken formt er seine Anweisungen: schaufelt Volumen hervor, schubst ein Forte zurück, ziseliert kleine Figuren, dämpft hier, unterbindet dort. Mit dem Orchester verbindet ihn offenbar tiefes Einvernehmen, wenn er im Schlussapplaus mehrmals vom Pult herab in die Reihen der Musiker tritt.

Quelle: wa.de

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