Lore Krügers Fotografien in Berlin

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„Gitanes, Junge mit Blechkrug“ (1936) von Lore Krüger.

Von Achim Lettmann -  BERLIN Sie sprach nicht von ihren Kunstfotos. Dabei war sie bereits eine erfolgreiche Fotografin in New York der 40er Jahre. Ihre Reportagebilder erschienen in den Zeitungen der modernen Metropole. 1942 gründete Lore Krüger das antifaschistische Exil-Blatt „The German American“, arbeitete als Dolmetscherin, behielt aber ihr künstlerisches Interesse für sich. Sie richtete Fotogramme ein, die das kühle Wunder und die sachliche Präzision dieses Bildgenres ganz und gar erfüllten. In Berlin sind sie zu sehen. Ihr Nachlass gilt als Entdeckung.

Die Jüdin, 1914 in Magdeburg geboren, war aus einem Internierungslager im Juli 1940 geflohen. Erst in den USA war sie vor den Nazis sicher. Ihre Eltern auf Mallorca wählten dagegen den Freitod, um der Deportation zu entgehen. Krüger lebte ab 1933 in London, Mallorca, Barcelona, Paris, Marseille und Trinidad, bis sie 1941 emigrierte.

Die Ausstellung „Lore Krüger. Ein Koffer voller Bilder. Fotografien von 1933 bis 1944“ zeigt in der C/O Galerie im Amerika Haus rund 100 Originalabzüge. Sie zählen zu einem Konvolut von 300 Fotografien, das 2009 zufällig in einem Koffer entdeckt wurde. Es gibt keine Negative mehr, nur die Positive. Krügers Arbeit passt zu den künstlerischen Pionierleistungen von Sonia Delaunay, Hannah Höch, Claude Cahun und Florence Henri. Und bei der Bauhaus-Absolventin lernte Lore Krüger 1935 in Paris fotografieren.

Die Ausstellung, die Felix Hoffmann kuratiert, führt ins Werk ein. Vor allem die Fotogramme verstrahlen eine sachliche Schönheit, wie sie typischer für die Bauhaus-Zeit kaum sein kann. Bänder, Gläser, ein Sieb und ein Eierschneider sind auszumachen, in einer rätselhaften Alltagskomposition. Daneben erstaunen ihre Stillleben von 1935. Es gelingt eine feinfühlige Balance zwischen Objekt und Licht. Stoffe, Pflanzenblätter, Kirschen oder Tee und Zucker sind ihr „Material“. Sie titelt „Jenaer Glas. Teetasse“ und „Weintrauben, Glas und Pfirsich“. Ihre Porträts von 1936 dagegen spielen mit Aufsicht und Diagonale. Ihre Models werden nicht klassisch ins Zentrum gesetzt, sondern bleiben unergründlich und autonom. „Tante Tesy mit Handschuh, Schleier“ (1937) zählt dazu. Außerdem lichtete sie Fischernetze bei Palma de Mallorca ab. Wegen der Materialstruktur zählen sie zur sachlichen Fotografie, die Lore Krüger ebenfalls beherrschte.

Als Zeitdokument gilt ihre Fotoreportage „Gitanes“ (Zigeunern) in Frankreich, die 1936 eine Wallfahrt nach Saintes Maries de la Mer an der Cote d’Azur unternahmen. Lore Krüger fuhr mit, fotografierte Kinder, Männer, ihre Wagen und eine stillende Mutter, als ein solches Motiv noch als unsittlich galt. Ihre Fotoarbeit erinnert an Serien der Agentur Magnum, die allerdings erst 1947 gegründet wurde. Lore Krüger (1914–2009) hätte dabei sein können. Sie ging 1946 in die DDR, um ein besseres Deutschland aufzubauen. Warum sie in dem neuen Staat nicht mehr fotografierte, ist bislang ungeklärt.

In den 50er Jahren übersetzte sie für den Berliner Aufbau-Verlag englischsprachige Literatur von Mark Twain („Tom Sawyer“), Daniel Defoe („Robinson Crusoe“), Joseph Conrad, Henry James und Doris Lessing.

Bis 10.4.; täglich 11 – 20 Uhr;

Tel. 030/284 44 160;

www.co-galerie.de; Katalog, Edition Braus, Berlin, 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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