Herrliche „Liliom“-Inszenierung in Bochum

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Stürmische Liebe: Julie (Kristina Peters) und Liliom (Florian Lange) in der Bochumer Inszenierung „Liliom“.

Von Achim Lettmann -  BOCHUM –Die Kirmes ist ein magischer Ort voller Vergnügungslust und Glücksrittertum. Wer hat den Augenblick, der alles bedeutet? Oder: „Mal richtig anbumsen“. Der Dramatiker Franz Molnár entwickelte in dem Soziotop des Jahrmarkts sein anrührendes und viel gespieltes Drama „Liliom“ (1909). Dabei wird die unglückliche Liebe eines ruppigen Aufreißers und seiner naiven Julie am Ende poetisch überhöht. Das sozial grundierte Rührstück hat die Regisseurin Christina Paulhofer am Bochumer Schauspielhaus zu einer wundervollen wie zeitlosen Lovestory ausgebaut. Die eigenwillige Bindung zweier Menschen wird zu einer Achterbahnfahrt des Lebens, die durch die Errungenschaften unserer Popkultur größer, schöner und greller wirkt. Freie Fahrt!

So dröhnen harte Beats über die Bühne, die Sirene am Autoscooter jault auf, und junge Leute tanzen Disco, Streetdance oder Harlem Shake – irgendwie ist alles voller Energie. Bis Liliom ein paar Nebenbuhler verprügelt und den Platzhirschen gibt. Florian Lange schwitzt den Kirmes-Macker aus, der sein Revier absteckt. Dicke Lippe, stierer Blick und billige Jeansjacke, aber dann bleibt Julie stehen und zieht ihn dermaßen an, dass er Jeans und Job fahren lässt, um ihr näher zu kommen. Das passiert unvorbereitet, und Kristina Peters gibt Julie eine kesse Naivität, die sie mit Koketterie ganz ahnungslos garniert: „Aber doch nicht hier?!“ Die Melodie „Hotel California“ ertönt und lässt das Liebesglück rauschhaft erscheinen. Den beiden wird ein niedliches Heim zwischen Autoscootern mit viel gutem Willen hergerichtet: Foliendach, Topfpflanzen, aufblasbarer Hausrat (Bühne: Alex Harb). Mehr ist aber nicht drin. Lana del Ray singt „Don’t make me sad“. Ja, er wird sie schlagen, und als sie ihm vom Baby erzählt, lässt er Julie einfach fallen. Plumps. Das ist zuviel Verantwortung für einen Strizie. Florian „Liliom“ Lange wirkt dabei nicht kalt, eher erschrocken, irritiert. Er freut sich aufs Kind, dann kippt die Emotion wieder in blanke Angst. Ihm fehlt Impulskontrolle. Was nun? Er braucht Geld und verabredet sich mit Ficsur zu einem Raubüberfall. Felix Rech spielt den Freund, der abwartet bis er seine Taschenspielertricks einsetzen kann. Das Drama dieser Buddies ist herrliches Körpertheater, wie sie zu Bowie- und Queensmusik ihre halbstarken Posen feiern. Klasse. Sie lassen sich gehen, setzen auf die Freiheit in Amerika – so ein Quatsch.

Die Inszenierung von Christina Paulhofer ist reich, weil auch die Nebenfiguren Teil der Glückssuche werden. Marie, Julies Freundin, wird von Maja Beckmann liebevoll als Spießerin entwickelt und in eine Sackgasse geschickt. Freund Wolf (Matthias Eberle) biedert sich zum Ehemann und Beamten. Das wirkt wie die neue Spießigkeit unserer Tage; es fehlt nur noch der Kugelgrill.

Linzmann, den reichen Karussellbetreiber, schiebt Daniel Stock eloquent und mit Selbstironie an. Dass ihn Julie verschmäht, steckt er weg. Als ihn Liliom und Ficsur überfallen, hält er die beiden mit Messer, Pistole und einer Abwehr-Choreografie (Klaus Figge) in Schach. Überhaupt ist „Liliom“ in Bochum ein durchchoreografiertes Stück. Takao Baba, Hip-Hop-Performer, hat mit einer Tänzerin und drei Tänzern vom Urbanatix-Projekt fulminante Streetart-Akrobatik ins Schauspielhaus gebracht, die zündet.

Am Ende wird mit großer Bühnentechnik die Ohnmacht und der Tod Lilioms um eine Illusion vom Himmel ergänzt, die das Leben mit Poesie auflädt.

Das Stück

Großartig inszenierter Klassiker mit Musik, Tanz und viel Herz.

Liliom am Schauspielhaus Bochum. 13., 21., 24. April, 6., 10., 20. Mai, 1. Juni;

Tel. 0234/3333 5555; www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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