„Life and Times 2“ bei der Ruhrtriennale

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Ab in die 80er: Das Stück „Life and Times 2“, zu sehen bei der Ruhrtriennale, erzählt Kindheitserinnerungen. ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Also, da war dieser Tag. Der „Jungs-jagen-Mädchen-Tag“. Und plötzlich sind sie irgendwie alle voll durchgedreht. „Also, oh mein Gott, es war wie der ,Herr der Fliegen‘“, erzählt die junge Frau, aber ganz so dramatisch ist der Kontext nicht: Es geht um eine Rauferei in der Schule.

Zwei Stunden fließt der Erinnerungs-Strom. Das Stück „Life and Times 2“, zu sehen bei der Ruhrtriennale auf Pact Zollverein in Essen, bildet die späte Kindheit und frühe Jugend einer Ich-Erzählerin nach. Die New Yorker Theatertruppe „Nature Theater of Oklahoma“ (der Name stammt aus einem Kafka-Roman) hat aus den Erinnerungen der jungen Kristin Worrall eine epische Theater-Dekalogie gemacht, die noch nicht fertig ist: work in progress. Die ersten „Life and Times“-Teile wurden am Wiener Burgtheater produziert, Part 1 erhielt eine Einladung zum Berliner Theatertreffen.

Epische Versuche, Individuelles und Zeitgeschichte zu einem Erzählstrom zu verknüpfen, gibt es in der Literatur zur Genüge, man denke an den 16. Juni im „Ulysses“. Was aber bei James Joyce, oder, in der temporalen Dimension sehr viel weiter gespannt, in Anthony Powells „Dance to the Music of Time“ Literatur ist, also Abläufe künstlerisch verdichtet, ist in „Life and Times“ das genaue Gegenteil. Die Theatermacher Pavol Liska und Kelly Copper haben mit der damals 34-jährigen Worrall 16 Stunden telefoniert. Sie hat ihnen erzählt, was ihr einfiel. Wie sie und ihre beste Freundin Barbiepuppen zum Knutschen aneinanderhielten, um die TV-Küsse aus den Soap Operas nachzuspielen. Wie der Vater – milder Skandal! – den „Playboy“ las. Alles, jedes Kichern, jeder abgebrochene Satz, jedes Räuspern wurde transkribiert.

Die Performer müssen das genau so sprechen oder singen, denn Part 2 wird als Musical aufgezogen. Part 1 war ein Tanzstück, Part 3 und 4 bedienen das Audio-Erlebnis und den Film.

Quietschig sieht das aus und schwer nach den 80ern, wenn die Darsteller in bonbonfarbenen Adidas-Trainingsanzügen auf einem schwarzen Podest Disco tanzen. Liska/Copper haben ihre Truppe aus unterschiedlichen Typen zusammengesetzt: Eine etwas rundliche Frau hat eine gute Stimme, die Tanzerei ist nicht ihre Stärke. Eine andere schaut merkwürdig verbohrt drein. Zu handgemachtem Synthie-Pop--Sound singen die Performer den schier endlos weiterfließenden Text – das machen sie gut, mit ernster Miene ziehen sie die Sache durch. Ab und zu kommen weitere Darsteller in Anzügen. Die sportive Massen-Choreografie haben sich Liska/Copper bei sozialistischen Sportveranstaltungen abgeschaut.

Das Stück wirkt durch die Anschlussfähigkeit von Worralls Erinnerungen. Liska/Copper brechen ihr Thema kaum, wollen auch keine Reflexion über Uniformität und individuelle Erfahrung. Sie wollen das Banal-Alltägliche des Lebens einer weißen Mittelklassefrau auf die gleiche Stufe heben wie, sagen wir, ein Shakespeare-Drama. Die Form dominiert damit den Inhalt. Aber auch die Form ist reduziert. Das hier ist ein Versuch zum post-postmodernen Theater: weitgehend ironiefrei, theoretisch gut unterfüttert, hervorragend anschlussfähig. Aber die Banalität als Kunstmittel wirkt nach spätestens anderthalb Stunden – banal. Und milde unterhaltsam.

Zu erleben noch heute auf Pact Zollverein, derzeit ausverkauft, Tel. 07 00 / 20 02 34 56.

Quelle: wa.de

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