Liesbeth Coltof inszeniert „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“

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Ehekämpfer: Szene aus „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ mit Axel Holst und Friederike Tiefenbacher ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Schon bei den ersten Sätzen merkt man, wie vertraut Martha und George miteinander sind. Wie er die Sätze beendet, die sie beginnt. Mit welcher Häme er ihr vorsingt, dass er sechs Jahre jünger ist. Wie sie ätzt: „Georgielein will ins Bett hinein...“ Ehe bedeutet hier Kampf. Aber das Paar hat feste Regeln, ja, sie geben ihren Spielen sogar feste Namen wie „Bums die Hausfrau“.

Damit verrät Liesbeth Coltof in ihrer Inszenierung keine Geheimnisse über Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Aber sie bringt das Beziehungsdrama im Studio des Dortmunder Schauspiels perfekt auf den Punkt. Die Regisseurin aus Amsterdam, in den Niederlanden vielfach mit Preisen bedacht, gönnt sich drei Stunden, um die gnadenlose Zimmerschlacht ins Bild zu setzen. Sie bleibt dabei ganz dicht am Text, auch wenn sie sich kleine Gags erlaubt wie den Einzug von Nick und Honey, bei dem die zu Rockmusik die Publikumsfront abschreiten, grüßen, Hände schütteln. Ja, die vier auf dem Podest mit dem Laminatboden (Bühne: Guus van Geffen) sind sich der Zuschauer bewusst. Sie werden uns trotzdem ihre Seelengründe aufdecken.

Coltof findet für den Anfang einen leichten Komödienton. Später geht es zur Sache. George zückt einen Dolch, er stürzt sich in einen Ringkampf mit Nick, und Honey kotzt direkt auf die Bühne. Selbst wenn einer das Zimmer verlässt, bleibt er im Blick: Transparente Vorhänge trennen Bad und andere Räume ab.

Vor allem aber konzentriert sich der Abend auf die vorzüglichen Schauspieler, die mit vollem physischen Einsatz agieren und Albees Dialoge mit präzisem Timing vortragen. Axel Holst schlurft als George mit leicht gebeugtem Rücken über die Bühne, und er holt sogar Lappen und Eimer, um Honeys Erbrochenes aufzuwischen. Trotzdem ist allein er den rauschhaften Launen Marthas gewachsen. Wie locker er seinen nackten Bauch vorzeigt, wie er den Konversationston trifft, wie er „Biologe“ sagt, dass es wie eine Beleidigung klingt.

Friederike Tiefenbacher als Martha steht ihm in nichts nach, grölt und brüllt und sagt „Fick dich“ wie andere „Brötchen“ und stößt gegen den letztlich enttäuschenden Seitensprung Nick mit Macho-Hüftschwung. Aber wenn sie ihre Liebe zum gerade abwesenden George gesteht, dann ist sie auf einmal leise und verletzlich.

Natürlich spielen Björn Gabriel und Julia Schubert die Opfer, die Unterlegenen, die Nebenrollen. Aber auch sie zeigen sich jeder Herausforderung gewachsen. Gabriel gibt souverän den forschen und ehrgeizigen Jungakademiker. Man muss das sehen, wie er mit dem Slip hantiert, den ihm Martha ins Whisky-Glas stopft. Famos auch, wie normal Schubert die naive Honey aussehen lässt, ihre Verlegenheit vor dem Gefühlsexhibitionismus der Gastgeber, aber auch die Lebenslust, mit der sie tanzt und Schnaps verspritzt.

Der Abend zeigt überzeugend, wieviel Energie noch im modernen Klassiker steckt.

27.12., 12., 18., 26.1.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

http://www.theaterdo

Quelle: wa.de

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