Liesbeth Coltof inszeniert „Verbrennungen“ in Dortmund

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Eine Frau auf der Suche: Szene aus „Verbrennungen“ in Dortmund mit Friederike Tiefenbacher, Peer Oscar Musinowski (im Rahmen) und dem Ensemble.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Die Gräuel, von denen Wajdi Mouawads Stück „Verbrennungen“ handelt, haben sich in der Wirklichkeit ereignet und ereignen sich immer noch. Heimtückische Überfälle, Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Plünderungen. Wer kann das anschauen? Der aus dem Libanon stammende kanadische Autor hat eine streng gebaute Tragödie von antikem Zuschnitt verfasst. Und die niederländische Regisseurin Liesbeth Coltof hat am Schauspiel Dortmund hat das Drama exakt so inszeniert. Formbewusst. Abstrahiert. Klar.

Man glaubt, in eine Klinik zu blicken. Guus van Geffen hat die Bühne weiß gestaltet, mit einem Vorhang, der später für Projektionen genutzt wird, mit Plastik-Campingstühlen, mit Neonröhren. Ein unbefleckter Raum, der für alles stehen kann. Auch die Schauspieler bewegen sich in einer Schwarz-Weiß-Ästhetik, gedämpft nur durch lichte Grau- und Beige-Töne. Realismus sollte man hier nicht erwarten. Den bietet das Kino. Da brennt ein Bus, krachen Schüsse, fließt Blut und kreischen die Opfer. Im Theater darf es leiser geschehen. Da schwebt ein stilisierter Bus aus Blech von oben, und Flammen züngeln auf. Ergreift das Theater deshalb weniger?

Coltof nutzt die bewährten Mittel der Bühnentradition. Sie ergänzt das Personal um sechs Frauen, Einwanderinnen, die wie ein antiker Chor wirken, aber meistens nur stumme Zeuginnen sind. Die schreckliche, aber ihrer brutalen Details entkleidete Geschichte wird zur Folie. Mouawad bietet eine Umkehrung des sophokleischen „Ödipus“. Sein Stück beginnt mit einem zivilisierten Tod im zivilisierten Westen, in Montreal: Eine Mutter ist gestorben. Ihre Anwältin eröffnet ihren Kindern, einem Zwillingspaar, das Testament. Das Vermächtnis besteht nicht nur aus Geld, sondern auch aus einem Auftrag. Die Tochter Jeanne soll den totgeglaubten Vater suchen. Der Sohn Simon einen bislang unbekannten Bruder. Beide sind im fernen Libanon zu finden, dem einstigen Bürgerkriegsschauplatz. Lust haben beide nicht – zumal ihr Verhältnis zur Mutter Nawal nicht gut war. Aber Jeanne macht sich auf die Reise. Später folgt Simon.

Erzählt wird in einer Montagetechnik, mit Rückblenden, das Leben Nawals als 14-, 20-, 40-Jährige. Wie in einem Krimi ermitteln die Kinder ihre barbarische Vorgeschichte. Coltof greift in ihrer Inszenierung immer wieder das Symbolmaterial des Textes auf. Namen werden auf Grabsteine geschrieben, Zeichen an die Wand gemalt. Kurze Textpassagen sprechen die Frauen des Chors in ihren Muttersprachen, und Friederike Tiefenbacher, die als Nawal den Abend trägt, übersetzt den Part des Dialogs. Fremdheit wird theatralisch vermittelt, mit einer leisen Poesie, die den Ernst des Stoffs nicht mindert.

„Verbrennungen“ handelt auch von den Überlebenden, die mit den Traumata ihrer Familie zurechtkommen müssen. Unsere Zeit bietet die Chance für unblutige Lösungen: Die Schuldigen bluten nicht, sie lesen von ihren Taten.

Coltofs Inszenierung setzt nicht auf vordergründige Betroffenheit, sie wendet sich in Brecht’scher Tradition an den Verstand des Zuschauers. Die Schauspieler lösen ihre Aufgabe souverän, allen voran Tiefenbacher, die uns das naive Mädchen ebenso zeigt wie die starke, zum Überleben entschlossene Kämpferin und die verletzte Mutter. Peer Oscar Musinowski spielt sowohl Nawals Geliebten als auch den brutalen Folterknecht, und er findet beherrschte Töne für große Wut und große Scham. Julia Schubert und Sebastian Graf spielen das Zwillingspaar ebenfalls mit überzeugender Diskretion.

5., 14., 27.12., 8., 24.1.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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