„Liebe“: Luc Perceval startet bei der Ruhrtriennale Zyklus nach Zola-Romanen

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Die fatale Liebe der blutjungen Nichte zu Dr. Pascal bildet einen Handlungsstrang in der Zola-Dramatisierung „Liebe“ bei der Ruhrtriennale. Hier eine Szene mit Stephan Bissmeier und Marie Jung.

Von Rolf Pfeiffer Duisburg - Dort unten wurde früher der Hochofen abgestochen, floss glühendes Eisen in Sandrinnen. Von den Zuschauerrängen, die in der Gießhalle in Duisburg-Meiderich aufgebaut wurden, hätten viele hundert Menschen einen fantastischen Blick auf das Industriegeschehen gehabt.

Doch längst ist der Hochofen erkaltet, stattdessen gibt es in der Halle Theater zu sehen: Luk Perceval inszeniert „Liebe – Trilogie meiner Familie 1“ nach Vorlagen von Emile Zola – eine Art Chronologie des Scheiterns über Generationen hinweg. Von spätsommerlichen Lüften umweht erlebt das Publikum wunderbares, intensives Schauspieler-Theater.

Luk Perceval, Intendant des Hamburger Thalia-Theaters, hat für drei Ruhrtriennalen einen Schauspiel-Dreiteiler zugesagt, der auf Zolas 20-bändigem Romanzyklus „Les Rougon-Macquart“ basiert. Für Teil 1 wählte er zwei biografische „Liebes“-Linien aus, die allerdings nur in so weit miteinander in Beziehung stehen, als sie beide sich auf die Stammesmutter Adelaide („Tante Dide“) beziehen. Die ist im Bühnengeschehen lediglich durch ihren altertümlichen Rollstuhl präsent, was völlig ausreicht, da sie seit 20 Jahren kein Wort mehr mit der Familie gesprochen hat.

Die eine Linie erzählt von Dr. Pascal (Stephan Bissmeier), einem etwas verhuschten Weltverbesserer, der mit genetisch wirksamen Medikamenten Probleme der Menschheit lösen will. Zu Forschungszwecken hat er seine desaströse Familiengeschichte dokumentiert und in einem stets verschlossenen Schrank archiviert, und mit seinem ebenso analytischen wie hilflosen Blick auf das Geschehen ist er weitgehend das Alter Ego von Zola. Seine Nichte Clotilde (Marie Jung) möchte er gern mit Dr. Ramond (Pascal Houdus) verheiraten, doch Clotilde will nur ihn, den alten Mann, als Gatten und Liebhaber.

Der andere biographische Strang handelt von Gervaise, der molligen, prolligen und lebenslustigen Wäscherin (Gabriela Maria Schmeide), die die Männer liebt, fleißig ist und sich schließlich gar den kleinbürgerlichen Traum von einer eigenen Wäscherei erfüllen kann. Doch dann hat ihr Mann Coupeau (Tilo Werner) einen Arbeitsunfall, gerät aus der Bahn, wird zum Alkoholiker. Gervaise verliert die Wäscherei, verelendet, trinkt, und woran sie stirbt, weiß man nicht genau.

Annette Kurz hat für den Bühnenhintergrund einen Wall aus Brettern in Form einer Hohlkehle geschaffen. Nur schwer kommt man dort hoch, ohne Hilfe eines Taus oder einiger aufgenagelter Stufenbretter fast gar nicht. Dieser Wall ist ein großartiges Sinnbild für die wohl stärksten Motive Zolas und seiner Figuren, den gesellschaftlichen Aufstieg wie das Abrutschen und den Absturz. All dies vollführen die Personen wiederholt, mit oft geradezu atemberaubender Akrobatik. Doch werden Leibesübungen nicht zum Selbstzweck. Percevals Einrichtung zeigt sich im besten Sinne einem naturalistischen Stil verpflichtet, der Inhalte noch über Sprache vermitteln will, über intensive Dialoge handelnder Personen. Diese Art von Bühnenspiel ist heutzutage selten geworden. Mitunter wenden einzelne Darsteller sich mit Erklärungen an das Publikum. Und der Musiker Lothar Müller spielt zu alledem auf der Gitarre.

Gabriela Maria Schmeide hinterlässt als gleichermaßen füllige wie gelenkige Wäscherin Gervaise den wohl stärksten Eindruck des Abends, als Sympathieträgerin und auch als tragische Figur. Den selbstverstellten Zauderer nimmt man Stephan Bissmeier in der Rolle des Dr. Pascal zu jeder Sekunde ab, Marie Jung ist eine reizende Nichte Clotilde, Oda Thormeyer eine gestrenge Haushälterin. Tilo Werner, Gervaises Mann, überzeugt als selbstbewusster Prolet ebenso wie später als Alkoholiker, der im Delir endet. Doch zu preisen ist das ganze Ensemble, dem man schnell anmerkt, dass es von einem der ersten Häuser des Landes kommt.

Selbstverständlich ist dieses Stück auch, wie beabsichtigt, in einem normalen Theater zu spielen. Doch ist Zolas Werk wesentlich gekennzeichnet durch Beschreibungen gesellschaftlicher Veränderungen, die mit dem Aufkommen industrieller Produktionsweisen einhergehen. Der Fortschritt, den er im 19. Jahrhundert wahrnahm, findet an Stätten wie dem Landschaftspark Duisburg-Nord fast nahtlos seine Fortsetzung.

11.9., Tel. 0221/ 280 210

www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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