Lichtkunst von Ann Veronica Janssens in Münster

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Licht auf einer eigentlich undurchsichtigen Plane: Ann Veronica Janssens‘ „Martin“, zu sehen in Münster. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MÜNSTER–Ein bisschen fühlt man sich im Kino. Der Raum ist abgedunkelt, die Größe der grauen Plane kommt hin, und es wird auch projiziert. Aber man sieht zunächst nur einen Kreis. Später wechselt das Programm, der Kreis ändert seine Größe, wird am Rand unscharf, verwandelt sich in einen schmalen Lichtbalken, in ein prismatisches Muster. Je länger man dem Spiel folgt, desto mehr wird die eigene Wahrnehmung irritiert. Was sieht man eigentlich in Ann Veronica Janssens‘ Installation „Martin“? Passt sich das Auge gerade den extremen Helligkeitskontrasten an? Oder hat das steuernde Computerprogramm das Bild schon wieder ein wenig verändert?

Diese Verunsicherung ist Arbeitsprinzip der belgischen Künstlerin, die in der Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst in Münster aktuelle Lichtkunstwerke zeigt. Es geht ihr darum, Unschärfen zu erzeugen. Der Betrachter darf sich nie sicher fühlen, dass er auch erkennt, was er sieht. Am deutlichsten spürt man das vielleicht in ihren Nebelwerken: Da füllt sie einen Raum mit Trockennebel, der das Licht streut, so dass es sich zu materialisieren scheint. Der Besucher taucht ein in massive Farbe, verliert sich darin, sieht auf eine neue Weise.

Die 1956 im südenglischen Folkestone geborene, in Brüssel lebende Künstlerin hat sich mit solchen Installationen internationalen Ruhm erworben, vertrat ihr Land 1999 bei der Biennale von Venedig und war auch in der Region mit Werken präsent, zum Beispiel mit einer „Cocktail Sculpture“ bei der 1. Internationalen Biennale für Lichtkunst in Bergkamen. Eine ähnliche Arbeit, ein Aquarium, das mit Öl gefüllt ist und mit Spiegelungen arbeitet, ist in Münster zu sehen.

Dabei ist Janssens völlig unprätentiös. Ihre Arbeiten tragen schlichte Titel, die beschreiben, was sie ausmacht. „Martin“ heißt die Installation im großen Ausstellungsraum, es ist die Bezeichnung des Hochleistungsprojektors, der das Licht erzeugt. Im Nebenraum verzaubert sie den Besucher mit kosmischen Impressionen. Kurze Filme scheinen durch den Weltraum zu führen, in ferne Galaxien und Sternennebel. Wieder täuscht sich der Betrachter: Janssens filmte fein sprühendes Wasser mit einer extrem schnellen Kamera, die 2000 Bilder in der Sekunde macht, und lässt diese Aufnahme in „Spray“ verlangsamt ablaufen. „La boule“ scheint uns einen Planeten aus dem Weltraum zu zeigen. Wir sehen die Krümmung des Horizonts, die seltsamen Strukturen an der Oberfläche. Dabei sehen wir einen schlichten Fußboden, aufgenommen mit Ultra-Fischauge. Und in „Jupiter“ erscheinen seltsame weiße Linien am nächtlichen Himmel. Geben uns Außerirdische Zeichen? Nein, die Künstlerin zog die Linien, indem sie den Planeten mit einer Infrarot-Nachtsicht-Kamera aufnahm und dann das Gerät bewegte.

Der Ansatz von Ann Veronica Janssens ist minimalistisch. Sie arbeitet oft mit einem eng umrissenen Motiv, das sie präzise setzt, um den Betrachter auf sich zurückzuwerfen. Was man sieht, ist Illusion. Aber die Künstlerin schaltet so fein die Fantasiefabrik im Kopf ein. Wenn man länger hinschaut, meint man, im mal mehr, mal weniger grellen Licht von „Martin“ Farben und Muster zu erkennen. Es gibt sie gar nicht, im physikalischen Sinn. Aber der verführbare menschliche Wahrnehmungsapparat lässt sie aus sich herauskitzeln.

Bis 12.2.2012, di – fr 14 – 19, sa, so 12 – 18 Uhr; Tel. 0251/ 674 46 75, http://www.muenster.de/stadt/ausstellungshalle

Quelle: wa.de

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