Im Lichte Müllers: Pedro Martins Beja inszeniert „Hamlet“ in Oberhausen

+
Ratloser Dänenprinz: Eike Weinreich spielt den Hamlet in Oberhausen.

Von Ralf Stiftel OBERHAUSEN - Der Tod begrüßt als aasiger Conferencier das Publikum im Theater Oberhausen. Jürgen Sarkiss schlägt mit Heiner Müller, dessen Übersetzung gespielt wird, den großen historischen Bogen bis ins alte Rom. Dann nimmt er Maß an einer Dame aus der ersten Reihe.

Der Totengräber mit dem auf Skelett geschminkten Gesicht steht in der „Hamlet“-Inszenierung von Pedro Martins Beja im Zentrum. Stets anwesend, mal als Zeuge, mal in der einen oder anderen Rolle (zum Beispiel als alter Mime in der Schauspieler-Szene), führt er durch das finstere Geschehen. Sarkiss füllt diese Rolle großartig.

Zwielichtig geht es ohnehin zu in jenem Dänemark, in dem die Zeit aus den Fugen lief. Die Bühne von Volker Hintermeier dominiert ein mächtiger Globus, in dem ein Schwert steckt und der sich bei der Fahrt der Drehbühne als Rückseite eines Schädels entpuppt, jenes Schädels vielleicht, den Hamlet in der berühmten Szene am Grabe Yoricks in der Hand hält. Grelles Schlaglicht fällt zuweilen aus Scheinwerferbatterien ins Publikum. Meistens aber steht die Szene in Oberhausen in einer diffusen Beleuchtung, die den klaren Blick erschwert. Das Personal ist verfremdet. Der treue Gefährte Horatio von Sergej Lubic zum Beispiel verschmilzt mit den korrupten Kumpeln Rosenkranz und Güldenstern. Fortinbras wiederum erscheint gar nicht erst.

So weiß der Zuschauer nicht so recht, was hier vor sich geht. Ist das alles real oder nur Kopftheater im verwirrten Geist des vaterlos gewordenen Dänenprinzen? Die Toten sterben in einer kurzen Verdunkelung, in der sie rufen, dass sie tot sind. Dann fällt zum Beispiel Ophelia wieder ihrem Vater Polonius um den Hals – wieder vereint im Jenseits, das sich in dieser Inszenierung mit dem wirklichen Leben überschneidet. Fiebrig wirken die drei Stunden, in denen Beja Shakespeares Tragödie ausbreitet. Eike Weinreich taumelt gleichsam durch das Geschehen, und der Zuschauer rätselt meistens wie er, ob denn nun wirklich der Geist seines ermordeten Vaters spricht oder nur eine Einbildung. Liebt er denn jene Ophelia, die Laura Angelina Palacios so elfenhaft mädchenmäßig verkörpert, oder spielt er nur mit ihr? All die großen Monologe, die der Dichter dem jungen Helden schenkte, verschwimmen hier, verlieren ihre Richtung ins Unbestimmte. Weinreich ist eigentlich ein präsenter Darsteller, lässt zwischendurch sogar Witz aufblitzen bis hin zur Clownseinlage in der Fechtszene, wo er eine Pinkelpause einlegt mit dem Degen als satten Strahl. Aber zugleich ist auch er nur eine Schattenfigur im Jenseitsgaukelspiel des Totengräbers.

Hamlet gleichsam zu psychologisieren, ist ein durchaus interessanter Ansatz. Es gibt einige dichte Bilder an diesem Abend und ein Ensemble, das auch das Abwegige vorstellbar macht. Aber Beja gelingt es nicht, seiner Deutung eine Richtung, einen Spannungsbogen zu geben. Er verzichtet auf den Norweger Fortinbras, der bei Shakespeare das marode Dänemark übernimmt. Aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“ übernimmt er Ophelias Aufruf zur Revolte. Dafür allerdings ist das, was vorher geschah, zu wenig politisch pointiert.

Bis auf den großen Blackout des Abends: Die Schauspielerszene, in der Hamlet seinem mörderischen Onkel Claudius die Ermordung des Königs zeigt, um ihn mit seiner Reaktion zu entlarven. Das spielt in Oberhausen im „Führerbunker“, mit Hitler, einem schwangeren Goebbels und einer blond bezopften Germania – wieder wird ein Text von Heiner Müller eingeschoben, angereichert um Anspielungen auf die Pegida-Bewegung. Das ist Kabarett mit der Brechstange, und es schließt nirgends an das Drama an.

Theater lebt davon, dass es sich zuweilen etwas herausnimmt. Diesmal hat es sich übernommen.

14., 15., 20.3., 15., 19.4., 20.5., Tel. 0208 / 8578 184,

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare