Sol LeWitt zeigt Wandmalereien im Quadrat Bottrop

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Studien zur Farbwirkung: Gemälde von Sol LeWitt im Museum Museum Quadrat Bottrop.

BOTTROP - Je nachdem, wie das Licht einfällt und wie der Betrachter steht, beginnt der Zauber. Dann sieht er nicht einfach nur ein kleines orangenes Quadrat, das in ein großes grünes Quadrat von 2,50 Meter Kantenlänge gemalt wurde. Dann beginnt das kleine Quadrat zu schweben. Und an der Lichtseite ist das Orange von einem gelben Rahmen gefasst. Gegenüber ist der dunkel.

Mit Magie hat es nichts zu tun, was da im Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop geschieht. Sol LeWitts Wandmalerei funktioniert nach den Gesetzen von Physik und menschlicher Wahrnehmung. Der Rahmen existiert nur im Hirn des Betrachters, das den Übergang der so extrem kontrastierenden Töne überkompensiert. Die gegensätzlichen Farben entwickeln so eine ungeahnte Dynamik. Man muss sich freilich darauf einlassen. Dann beginnt das Schweben.

In Bottrop ist LeWitts „Wall Painting 1176“ zu sehen. Als Wiederholung, das gibt es auch im Museum. Im Herbst 2005 wurde die monumentale Arbeit erstmals realisiert, eine Hommage an Josef Albers, die der US-Künstler eigens für Bottrop konzipiert hatte. In einer Serie von 21 Bildern spielt er jede mögliche Kombination von sieben Farben durch: die drei Grundfarben rot, gelb, blau, die Sekundärfarben grün, orange, violett, die sich aus der Mischung jeweils zweier Grundfarben ergeben, und grau. Immer das gleiche Muster, kleines Quadrat auf großem Quadrat, von gelb auf rot bis hin zu grau auf violett. Am Ende gibt es, wie ein Inhaltsverzeichnis, sieben kleine Quadrate und einen hauchdünn mit Bleistift auf die Wand gebrachten Bauplan.

Das ist alles andere als eine an die Wand gebrachte Theorie, kein Sol-LeWitt-Code, auch wenn sich das Prinzip bei genauem Beobachten und etwas Nachdenken schnell erschließt. Den sechs Bildern mit rotem Grund (Kombination mit jeder der anderen Farben) folgen fünf auf gelbem Grund. Die Kombination Gelb-Rot ist ja schon vorhanden. Und so weiter. Aber die Wirkung ist doch unmittelbar sinnlich. Der Besucher schreitet durch die besondere Architektur des Albers-Museums, die das Quadrat aufnimmt, einen Fries ab, der die Farben erfahrbar macht. Wie grenzt das Rot das Orange ein und wie lässt das Grün es glühen! Das Grau wirkt auf Rot und Gelb eher wie eine Leerstelle, stumpf und körperlos. Aber auf Blau entfaltet es sich tatsächlich zur Farbe, hat Substanz, strahlt fast silbrig. Und wenn dann noch die Sonne durch das Oberlicht einfällt, dann beginnt das Spiel mit der Räumlichkeit. Nach zehn Jahren hat man schon vergessen, welche Kraft zwei Farben in der direkten Begegnung entfalten.

Sol LeWitt gilt als Vater von Konzeptkunst und Minimalismus. Der Künstler, 1928 in Hartford, Connecticut, geboren, absolvierte nach dem Kriegsdienst eine Ausbildung zum Cartoonisten und Werbegrafiker in New York. Für eine kurze Zeit arbeitete er im Büro des Architekten I. M. Pei, bis er 1960 ans Museum of Modern Art wechselte. Das Haus widmete ihm 1978 eine Retrospektive.

Josef Albers war eine wichtige Inspiration für LeWitt, und seine Arbeit zitiert Albers’ geradezu unendliche Serie „Homage to the Square“ und übersetzt sie zugleich in eine neue Form. Albers schichtete mehrere Quadrate übereinander, und er zentrierte sie auch nicht. Seine Farbkombinationen sind viel freier als in der strengen Abfolge von LeWitt.

LeWitt ist 2007 gestorben. Kann man seriös die Wandmalerei eines toten Künstlers ausstellen? Natürlich. Schon 2005 hatte LeWitt nicht selbst Hand angelegt, sondern die Arbeit von eigens geschulten Assistenten realisieren lassen. Was der Besucher 2015 sieht, ist sozusagen eine neue Aufführung nach der Originalpartitur, wie bei einem Musikstück. Und wie 2005 hat auch diesmal die Kunst ein Verfallsdatum. Nach Ausstellungsende werden die Wände überstrichen.

Bis 30.8., di – sa 11 – 17, so bis 18 Uhr. Tel. 02041/ 29 716, www.quadrat-bottrop.de

Quelle: wa.de

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