78.000 stimmen sich ein

"Rock am Ring" startet warm, schrill - aber etwas müde

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NÜRBURGRING/EIFEL - Das letzte Rock am Ring am Nürburgring hat am Donnerstag begonnen. Seit 1985 lockte das Festival Hundertausende Musikfans in die Eifel. Zum Start tate sich Iron Maiden schwer und überraschte Rapper Cro als Special Guest.

Von Sabine Fischer

Nun soll Schluss sein mit Rock am Ring in der bisherigen Form – der neue Ringbetreiber und Autozulieferer Capricorn diktierte die Konditionen neu, und Veranstalter Marek Lieberberg gab auf. Er will die Marke „Rock am Ring“ künftig an neuem Standort etablieren: Das Festival soll nach Mönchengladbach verlegt werden. Derweil kündigte Capricorn bereits an, eine eigene Veranstaltung am Nürburgring an den Start bringen zu wollen. Eine deutlich rockigere Variante solle es werden als das bisherige „Rock am Ring“, heißt es.

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Die Entwicklungen scheinen Marek Lieberberg überrollt zu haben, sonst hätte er den Umstand, dass es das letzte „Rock am Ring“ an altem Standort ist, stärker vermarktet und damit wohl für eine ausverkaufte Rennstrecke sorgen können. Erst Anfang der Woche war das endgültige Aus öffentlich kommuniziert worden. Und bis Freitag gab es immer noch Tickets für das sonst oft ausverkaufte Event.

Für jene, die erneut in die Eifel gepilgert sind, gibt es diesmal Musik an vier statt nur an drei Festivaltagen. Und obgleich der Auftakt-Donnerstag kein Feiertag war, reisten bis gegen Abend bereits rund 78.000 Menschen an. Darunter viele kreativ Kostümierte. Vom Wiesenmonster im giftgrünen Kunstrasenpelz bis hin zu Jesus, der in weißem Wickelgewand Jünger suchte und diese bei bestehenden Disharmonien wortlos stehen ließ und mit dem Stinkefinger abstrafte reichte die Figuren-Vielfalt des Ring-typischen Panoptikums.

Getreu dem Motto „Punk's not dead“ erlebten Tartanhosen, Nietenhandschuhe und der Iro ihre Renaissance. Etliche stachelige Typen starten also mit Falling in Reverse ins Wochenende und probten mit Pennywise, die sogar „Stand by me“ mit melodischer Härte aufbereiteten, den Nostalgie-Pogo.

Offspring, Maiden und Cro zum Auftakt am Donnerstag

Mit The Offspring konnte die Party dann endgültig starten. "Self Esteem" und "Pretty Flight (For a White Guy)" sind Seltbstläufer – der kommerzielle Spaß-Punk aus Übersee als Vorglüher für den Top-Act. Das funktioniert hervorragend beim "Staring in the Sun". Da schadet es auch nicht, wenn sich aus weniger erfolgreichen Alben wie "Days go By Experimente" wie "OC-Guns" einschleichen.

Iron Maiden taten sich dennoch schwer, den Druck im Kessel aufrecht zu erhalten. Zwar hätte man beim Blick ins Publikum meinen können, Maiden-Shirts seien in dieser Nacht Dresscode, doch viele waren schlicht gekommen, weil man Bruce Dickinson und Co. einmal gesehen haben muss – und letztlich auch, weil es am ersten Abend keine Alternativen gab. Die restlichen Bühnen blieben dunkel. Dickinson kämpfte unermüdlich gegen die Lethargie des Publikums, das die Rock-Dinos eher wie Museumsstücke behandelte: Man stand und staunte.

Dabei wurde eine erstklassige wie minutiös durchgeplante Show geboten: Mit "Moonchild" startete die Band in Feuer und Eis: Zahlreiche echte Pyroeffekte zündeten in arktischer Umgebung – eine mögliche Metapher für das Schmelzen der Polkappen und die Klimaerwärmung sowie typisch für die Band, deren studierter Kopf gerne clever provoziert und das Zeitgeschehen kritisch begleitet. Vor allem ältere Songs wie "Number of the Beast", "Can I play with Madness" und "Wasted Years" wurden von den Fans gefeiert.

Mit „Run to the Hills“ hatte Band-Maskottchen Eddie seinen einzigen mobilen Auftritt – hünenhaft lieferte sich das Skelett im Kapitänskostüm ein paar Scharmützel mit den Bandmitglieder und wankte von dannen.

Frontmann Bruce Dickinson putschte das Publikum wieder und wieder auf – misslang der Putschversuch demonstrierte er grinsend, wie schlapp ihm die Anwesenden erschienen. Dennoch gleichbleibend gut gelaunt absolvierte er sein Set, gratulierte Schlagzeuger Nicko MacBrain zum 62. Geburtstag und drückte ihm einen Tortenhut aufs Haupt, sprang und rannte in atemberaubendem Tempo die Bühne ab. Der durchtrainierte Fechter absolvierte zahlreiche Kostümwechsel und zeigte unglaubliche Sprünge von höchster Präzision. Letztere erforderte auch der Umgang mit den zahlreichen beweglichen wie riesigen Bühnenskulpturen, die im Laufe des bald zweieinhalbstündigen Konzerts ausgefahren wurden. Wenngleich das Publikum nicht tobte, spielte es doch mit in dieser Inszenierung inklusive Zugaben.

Die Erwartungen waren geweckt – ein Special Guest wurde für Mitternacht angekündigt, der das Nachtprogramm mit Rudimental und Klangkarussell vorbereiten sollte. Viele Spekulationen reichten von den Rock-am-Ring-Urgesteinen, den Toten Hosen, bis hin zu Seeed und einem Vorgeschmack auf die Fanta-Vier. Rosa Rauch stieg auf, der Vorhang fiel – und etliche traten den Weg in die Partyzelte und zum Campingplatz an: Cro setzte einen Kontrastpunkt, an dem mancher schwer zu kauen hatte. Er ließ die Hände winken, alle so laut schreien, wie sie nur konnten, und mitsingen. Letztlich versicherte er den Dagebliebenen, er höre ja privat viel mehr Rockmusik als HipHop und mache sogar selbst welche, und daher passer er doch ganz gut an den Ring. Der Ankündigung, er wolle nun auch rocken, folgten weitere HipHop-Songs. Fans schmunzelten und die Maiden-Fraktion räumte kopfschüttelnd und rosa umwölkt das Feld.

Anmerkung der Redaktion: Fotos der auftretenden Bands können wir aus rechtlichen Gründen hier leider nicht anbieten.

Quelle: wa.de

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